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Mario Vargas Llosa : Ein leuchtender Aufklärer

Das Profil einer politisch brisanten, ästhetisch vorausweisenden Literatur: Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa Bild: AFP

Die richtige, die überfällige Entscheidung: Mario Vargas Llosa erhält den Nobelpreis für Literatur. Seine Romane und Essays sind ein Votum gegen Machtmissbrauch und Korruption.

          Vor dem Mauerfall - 1982 - war es Gabriel García Márquez. Nach dem Mauerfall und dem Untergang des sowjetischen Imperiums ist es Mario Vargas Llosa. Die beiden großen lateinamerikanischen Romanautoren der letzten Jahrzehnte und ihr Literaturnobelpreis stehen auf entgegengesetzten Seiten des epochalen Bruchs in der Nachkriegsgeschichte. Und auf verblüffende, bis ins Klischee reichende Weise verkörpern die beiden ehemaligen Freunde und späteren Antipoden zwei Grundsatzpositionen im lateinamerikanischen Politikverständnis. Hier der magische Realist García Márquez mit seinem glühend beschworenen Phantasiereich Macondo, seiner Freundschaft zu Fidel Castro und seinem unverbrüchlichen Glauben an einen demokratischen Sozialismus. Dort der Peruaner Mario Vargas Llosa mit seinen literarischen Analysen von Korruption und Machtmissbrauch, der Verteidigung der freien Marktwirtschaft und seinem beißenden Spott für die gerupften Ideale der Revolution.

          Jetzt hat die Schwedische Akademie dem 1936 geborenen Schriftsteller, der so lange auf die Auszeichnung warten musste, den Nobelpreis zugesprochen, weil er in seinen Büchern eine „Kartographie von Machtstrukturen“ und „scharf gezeichnete Bilder individuellen Widerstands“ geschaffen habe. Der Preis ist berechtigt, ja überfällig, denn er erzählt die andere Hälfte der Geschichte. Literarisch ist er ohnehin unanfechtbar. Vargas Llosas frühe Romane „Die Stadt und die Hunde“, „Das grüne Haus“ und „Gespräch in der ,Kathedrale'“, allesamt in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts erschienen, gehören zu den prägenden Werken des lateinamerikanischen „Booms“. Unter den späteren Büchern ragen „Tante Julia und der Kunstschreiber“, „Tod in den Anden“ und „Das Fest des Ziegenbocks“ heraus. Mario Vargas Llosa ist nicht nur einer der meistgelesenen Schriftsteller Lateinamerikas, sondern seit längerem die führende intellektuelle Figur seines Kontinents. All das müsste reichen, ihm die bedeutendste Literaturauszeichnung der Welt, die er vierzehn Jahre nach dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, nicht nur zu wünschen, sondern von Herzen zu gönnen.

          Der unbarmherzige Realpolitiker seines Kontinents

          Doch es reicht nicht, jedenfalls für viele nicht. Denn Mario Vargas Llosa tritt im Maßanzug auf und speist mit den Mächtigen. Er schreibt Kolumnen für „El País“, verkehrt auf zahlreichen akademischen Podien und hat einmal gesagt, er bewundere Margaret Thatcher. So einer entspricht nicht dem Image des Künstlers als wuscheliger Rebell, und auch das in Deutschland meist selbstverliehene Ehrenzeichen des „Querdenkers“ würde Vargas Llosa sich wohl kaum anheften. Nein, in ihm haben wir eine Figur, die dem Kulturbetrieb fast ein wenig peinlich ist, nämlich den höflichen, rationalen, zu keinerlei Exzessen neigenden Rechthabenden, einen Autor, dessen literarische Anordnungen ein Mittel der Politik- und Gesellschaftserkenntnis sind und der außerdem über eigene oder fremde Werke mit einer Klarheit des Denkens schreibt, die ihn abermals verdächtig macht. Genie, so das Volksverständnis, sehe anders aus.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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