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Mario Vargas Llosa : Ein leuchtender Aufklärer

Den Kampf gegen den Terrorismus des „Leuchtenden Pfads“ setzte er an oberste Stelle. Am Ende reichte es für den Schriftsteller nicht in einem Land, das immer noch auf den politischen Lenker als Messias schaut: In der Stichwahl unterlag er gegen Alberto Fujimori. Aber Vargas Llosa bewies im Knochenjob des Wahlkampfs mehr Engagement als fünfzig handelsübliche engagierte Intellektuelle zusammen, und mit seiner Autobiographie „Ein Fisch im Wasser“ hinterließ er ein genaues, vor allem ernüchterndes Zeugnis von seinem Ausflug in die Maschinenräume der Politik. „Unter Aufrichtigkeit verstehe ich die Übereinstimmung von Absicht und Tat“, hat der Schriftsteller 1992 im Fragebogen der F.A.Z. gesagt. „In der Politik ist diese Wahrhaftigkeit unmöglich, in der Kunst jedoch sehr wohl erreichbar. Seit ich diese Erfahrung gemacht habe, bewundere ich die wirklich aufrichtigen Politiker noch mehr.“

Eine Flauheit in seinem Spätwerk

Wer ein gutes Gedächtnis für Zeitgeschichte hat, wird immer wieder auf den Meinungsjournalismus von Mario Vargas Llosa stoßen. Auf diesem Feld stellt er alle seiner literarischen Konkurrenten in den Schatten, vor allem an Gleichmut und Scharfsinn. Vargas Llosa äußert sich zu allen politischen Themen unter der Sonne und bekennt sich zu Meinungsfreiheit, Marktwirtschaft, Demokratie. Ohne Konzessionen. Den neoliberalen Akzent setzt er vermutlich stärker als irgendeiner seiner Kollegen. Fast ebenso wichtig - und kaum weniger expansiv - ist der Leser und Bewunderer Vargas Llosa. Ob es sich um eine unbekannte lateinamerikanische Lyrikerin handelt, einen spanischen Nachwuchsautor oder die Trilogie von Stieg Larsson: Mario Vargas Llosa liebt es, die Namen anderer Schriftsteller ins literarische Firmament einzuzeichnen, und es spricht Bände für seinen hohen Anspruch, dass seine letzte Buchveröffentlichung dieser Art eine Hommage an einen tragischen Solitär war: „Die Welt des Juan Carlos Onetti“.

Erst vor wenigen Tagen hat der spanische Schriftsteller Antonio Muñoz Molina in „El País“ die frühen Romane Vargas Llosas, besonders „Das grüne Haus“, als wegweisend für eine lateinamerikanische Moderne bezeichnet, die den europäischen Schriftsteller auf der Suche nach Vorbildern nicht zum Verstummen gebracht, sondern zum Schreiben animiert habe. „Das grüne Haus“, so Muñoz Molina, sei ihm immer näher gewesen als der magische Realismus von „Hundert Jahre Einsamkeit“. Ein schönes Lob. Einen größeren Literaten als García Márquez wird man Vargas Llosa deswegen nicht nennen wollen. Und es tut seiner Bedeutung keinen Abbruch, wenn man anmerkt, dass eine gewisse Flauheit in sein Spätwerk gekommen ist, etwas Verspieltes, Müdes, Capricciohaftes. Halten wir umgekehrt fest, wie selten eine andere seiner Gaben anzutreffen ist: immer und immer wieder öffentlich dasselbe zu sagen, allein deshalb, weil es stimmt; unfähig zu Plattheiten und Geschwätz zu sein; mutig seine Meinung zu vertreten; beharrlich an die Belehrbarkeit des Menschen zu glauben. Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an einen leuchtenden Aufklärer.

Paul Ingendaay

Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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