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Mario Vargas Llosa : Ein leuchtender Aufklärer

Er tritt im Maßanzug auf und speist mit den Mächtigen

Also fürchtet man sich etwas vor so einem hochgebildeten, in London und Paris, Madrid, Barcelona, Princeton oder Lima heimischen Mann, der so effizient arbeitet wie wenige, zahlreiche Romane, Erzählungen und Essays geschrieben und auf wahrlich unzählbaren Rednerpulten dieser Welt gestanden hat. Neulich in Madrid hat er sogar Theater gespielt! Er ist, sagen wir es klar, der unbarmherzige Realpolitiker seines Kontinents, der klarsichtige Analytiker und furchtlose Störenfried. Und was er herausgefunden hat, war zweierlei: erstens, dass sich der lateinamerikanische Kontinent mit der Utopie eines revolutionären Wegs (Castro oder Chávez, der Name spielt keine Rolle) selbst zugrunderichten würde; und zweitens, dass jeder Schriftsteller, der diese Utopie mitträumt und in seinen Schriften verteidigt, sich mitschuldig macht.

Es ist angebracht, noch einmal auf den vierzig Jahre alten, hochsymbolischen Fall des kubanischen Dichters Heberto Padilla zurückzukommen, der die soeben erst zu Weltruhm gelangten lateinamerikanischen Autoren in zwei politische Lager teilte: Nennen wir sie die (linke) García-Márquez- und die (konservative) Vargas-Llosa-Fraktion. Padilla wurde von Castro bestraft und zur Abbitte gezwungen, und jeder konnte es beobachten. Das entwürdigende Schauspiel, das auch den Kuba-Reisenden Hans Magnus Enzensberger entgeisterte, brachte eine Spaltung hervor, von der sich die literarische „Boom“-Bewegung nie mehr erholte. Es ging um Lateinamerikas Weg in die Zukunft, und die Schriftsteller des Kontinents mussten sich dazu erklären. Bücher wurden darüber geschrieben, Legenden gesponnen, Gerüchte kolportiert. Einmal soll García Márquez dem acht Jahre jüngeren Vargas Llosa, der über ihn seine Doktorarbeit geschrieben hatte, sogar einen Faustschlag verpasst haben.

Man kann sich die weit zurückliegenden Jahrzehnte auf alten Fotos vergegenwärtigen und sieht darauf, oft im Gruppenbild, meistens lachend, einen unfassbar gutaussehenden jungen Schriftsteller, vom Typ her eine Mischung aus Kaká und dem jungen Alain Delon. Wie so viele seiner schreibenden Kollegen absolvierte Vargas Llosa zunächst eine Laufbahn als Journalist, Übersetzer und Kosmopolit. Der Erfolg als Schriftsteller kam früh, auch wichtige Literaturpreise fielen Vargas Llosa zu, der Rómulo-Gallegos-Preis, der Planeta- und Prinz-von-Asturien-Preis, später dann die Ehrendoktorwürden, eine nach der anderen, bis heute mehr als Dutzend.

Ein Ausflug in die Maschinenräume der Politik

Als er sich selbst in die große Politik warf und 1990 peruanischer Staatspräsident werden wollte, schulterte er mit erstaunlicher Opferbereitschaft die Last, die seiner Meinung nach getragen werden musste: Vargas Llosa versprach den Peruanern, den aufgeblähten Staatsapparat zurückzuschneiden, einen rigorosen Wirtschaftsliberalismus einzuführen, den kleinen Straßenhandel zu fördern und ausländisches Kapital ins Land zu holen.

Paul Ingendaay

Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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