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Autorin María Cecilia Barbetta : Freiheit aushalten

  • -Aktualisiert am

Es gehe darum, kritisch nachzufragen und nicht zuzulassen, dass Ängste von Menschen instrumentalisiert würden, sagt Maria Cecilia Barbetta. Bild: obs

María Cecilia Barbetta, deren Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert ist, kommt aus Argentinien und schreibt auf Deutsch. Ein Gespräch über das Erbe ihrer Heimat, den Schutzraum Sprache und die Frage, wem sie gehört.

          Die deutschsprachige Schriftstellerin María Cecilia Barbetta, geboren in Buenos Aires, kam 1996 nach Berlin – und blieb. Ihr neuer Roman „Nachtleuchten“ steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Er erzählt von dem Leben in Barbettas Heimatstadt in Zeiten des politischen Umbruchs, am Vorabend der Militärdiktatur.

          Wäre Ihr Roman, wenn Sie ihn in Ihrer Muttersprache, also auf Spanisch geschrieben hätten, ein anderer geworden?

          Es hätte ihn gar nicht gegeben. Die deutsche Sprache ist mein Schutzraum. Sie gibt mir die Chance, mir eine Welt anzueignen, die ich mit 22 Jahren verlassen habe.

          Und warum geht das nur in einer Fremdsprache?

          Was ich schildere, geht mir sehr nah. Auf Deutsch zu schreiben ermöglicht mir, Distanz zu dem zu gewinnen, was ich erzählen möchte. Diese Distanz hat es mir überhaupt erst möglich gemacht, zu schreiben.

          Und Spanisch?

          Spanisch ist für mich eine besetzte Sprache. Sie hat eine Schwere wie Deutsch wahrscheinlich für manche Muttersprachler. Es gibt ein Wortspiel in dem Buch, das kennzeichnend ist, auch für mein Ankommen in Deutschland: Es gibt die Figur einer fortschrittlichen Nonne, Schwester María. Sie fährt an einem Schild vorbei, auf dem steht „Ausfahrt freihalten“, aber sie liest „Freiheit aushalten“.

          Haben Sie die Freiheit, die Ihnen die deutsche Sprache gibt, sofort gespürt, und war sie tatsächlich schwer auszuhalten?

          Zunächst einmal war es schwierig, alles, wovon ich glaubte, dass es mich geprägt hat, hinter mir zu lassen – in erster Linie meine Familie. Es klingt wahrscheinlich paradox, aber es war leichter, den großen Sprung nach Deutschland zu wagen, als zu sagen: Ich suche mir eine Wohnung, die eine halbe Stunde von unserem Zuhause entfernt liegt. Damit wäre nichts getan gewesen, und das spürte ich auch.

          María Cecilia Barbetta: „Nachtleuchten“. Verlag S. Fischer, 528 Seiten, 24 Euro

          Sie hatten ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes bekommen, um hier zu promovieren.

          Ja, wobei ich im Jahr 1994 dank eines Stipendiums des Goethe-Instituts schon vier Monate in Deutschland verbracht hatte, in München. In dieser Winterzeit machte ich mich mit einer Freundin auf den Weg, um eine Kirche zu besichtigen. Vor uns, die Treppe hinauf, ging ein junges Paar mit kleinen Kindern – die Eltern auf der einen Seite, die Kinder auf der anderen, allein, obwohl alles vereist war. Ich war empört, dachte, wie können die Eltern ihre Kinder so allein lassen, das ist doch gefährlich. In Wahrheit war ich die Einzige, die ausrutschte, während die Kinder flink wie Rehe die rutschigen Stufen hochliefen. Es mussten Jahre vergehen – und das meine ich damit, dass dieses Ankommen, das „Freiheit aushalten“ lange dauerte –, bis ich begriff, dass ich die Situation falsch verstanden hatte.

          Was hatten Sie falsch verstanden?

          Diese Eltern haben ihren Kindern Selbstvertrauen mit auf den Weg gegeben, weil sie sie allein gehen ließen. Die Einzige, die keine Selbstsicherheit hatte, war ich.

          Das hat sich geändert?

          Es ist etwas, wonach ich mich nach wie vor sehne. Ich weiß auch noch, wie unglaublich selbstbewusst ich die deutschen Studenten fand, als ich mit meiner Promotion begann, wie beeindruckt ich von der deutschen Gesellschaft generell war, die sich auf das Gespräch einlässt, andere Meinungen zulässt, kritisch zuhört.

          Empfinden Sie die deutsche Gesellschaft auch heute so?

          Ja, obwohl sich gerade einiges zum Negativen verändert. Ich gehöre hierher, so empfinde ich es, und es greift mich natürlich an, dass Pegida und die AfD so erfolgreich darin sind, sich die Ängste von Menschen zunutze zu machen. Ich kann Nationalismen, egal aus welchem Land, nicht verstehen. Neulich habe ich im Internet ein Foto von einem AfD-Sympathisanten gesehen. Es versetzte mir einen Stich ins Herz, auf der Rückseite seines T-Shirts stand: „Unsere Sprache ist Deutsch“ – und „unsere“ war unterstrichen.

          Wie hat das auf Sie gewirkt?

          Ich dachte: Meine Sprache ist es auch, aber das scheint nicht mehr selbstverständlich zu sein. Ich werde immer öfter als argentinische Autorin adressiert, obwohl ich ausschließlich deutsch schreibe. In meinem Buch war mir deshalb wichtig, vor dem Hintergrund einer wachsenden Bedrohung eine Geschichte des gelungenen Miteinanders zur Sprache zu bringen.

          Inwiefern hat das Viertel Ballester, in dem Ihr Roman spielt und in dem Sie aufwuchsen, mit Deutschland zu tun?

          In Ballester, in dem sich übrigens viele deutsche Einwanderer niedergelassen haben, kommen Menschen unterschiedlichster Milieus zusammen. Ihre Wurzeln liegen in Europa oder im Nahen Osten. Nicht umsonst gibt es in Argentinien den Ausspruch „Die Argentinier kommen von den Schiffen her“, es gab immer wieder große Einwanderungswellen, die sich natürlich auf die Gesellschaft auswirkten. Man denke an die spezielle psychologische Situation jüdischer Flüchtlinge, die in den dreißiger Jahren einwanderten, dann die Nazis, die sich in Argentinien ein neues Leben aufzubauen versuchten und nicht zurückblicken wollten. Dazu kommen die Traumata der Militärdiktatur oder auch der Rassismus wie hier in Deutschland . . .

          Aber?

          Die Nazis einmal außen vorgelassen: Vielleicht weil Argentinien sich ganz selbstverständlich als Einwanderungsland versteht und definiert, entwickelt es daraus eine Stärke. Bei allen Differenzen und Alltagskämpfen, die nicht wegzudenken sind, verfügen viele Menschen doch ganz grundsätzlich über einen unermüdlichen Willen, Dinge aufzuspüren, die ihre Existenz lebenswert und ehrbar erscheinen lassen. Noch einmal zu der Situation hier . . .

          Sie bewerten Sie negativer?

          Nein, Menschen wie diesen Demonstranten mit dem Aufdruck auf dem T-Shirt, die gibt es, aber die Mehrheit der Deutschen ist nicht so. Sie sind offen und bereit, Standpunkte auszuhandeln. Ich denke, das mit dem Selbstbewusstsein, dass ich das gar nicht kannte, hat viel mit den Jahren der Militärdiktatur zu tun. Das, was ich in meinem Roman beschreibe – das Anbringen eines Banners mit der Aufschrift „Schweigen ist Gesundheit“ rund um den Obelisken, dem Wahrzeichen von Buenos Aires, zusammen mit dem Aufkommen eines Terrorregimes, das 30 000 Menschen verschleppte und ermordete, während es eine Kultur des Wegschauens propagierte –, hat tiefe Wunden in der Seele der Menschen hinterlassen.

          „Nachtleuchten“ spielt in den Jahren 1974/75. Es ist die Momentaufnahme eines Landes, das von aufkeimenden Ängsten geprägt ist, von großer Unsicherheit angesichts der politischen Verhältnisse.

          Und von wachsendem Aberglauben in der Bevölkerung.

          Warum konzentrieren Sie sich nicht auf die großen Figuren dieser Zeit, sondern auf das alltägliche Leben, etwa auf ein Mädchen, das die katholische Schule besucht und mit einer fluoreszierenden Madonnen-Figur von Tür zu Tür geht, um die Kirche zu den Menschen zu bringen?

          Weil es mir um die einfachen Menschen geht. Die liegen mir am Herzen. Die kenne ich gut. Mit der Madonna auf Wanderschaft lernen wir einen schwulen Friseur kennen, einen Zeitungsverkäufer oder die Besitzer einer Bäckerei. Es ging mir nie um die großen Helden oder die großen Verbrecher der argentinischen Geschichte, sondern um die Atmosphäre dieser Jahre – die leisen Zwischentöne. Natürlich bekommen die Menschen bei allem, was sie in ihrem Alltag beschäftigt, mit, was in dem Land geschieht: dass es Entführungen gibt und Bomben, die explodieren.

          Waren Ihre Eltern politisch aktiv?

          Nein, waren sie nicht. Aber die Angst war trotzdem immer da.

          Sie sind 1972 geboren.

          Deshalb lasse ich im Roman diese schwierige Zeit wiederauferstehen mit der Freiheit der deutschen Sprache und der Freiheit der Literatur, mit einer Freiheit, die ich mir im Laufe des Schreibens an meinem zweiten Buch neu erkämpfen musste, mit der Freiheit, einen Roman zu schreiben, bei dem diese subkutane Angst der rote Faden ist und bei dem trotzdem Freude und Glück spürbar sind. Ich habe viele Anläufe unternommen, bis mir das schließlich gelang, und auch das ist wiederum ein Bogen zu meiner Kindheit, in der ich das Gefühl hatte, mir Freude erkämpfen zu müssen. Es ist ein blöder Begriff, im Grunde, sich Freude erkämpfen, aber Kinder nehmen alles, was um sie herum geschieht, sehr genau wahr und tragen es in sich. Ich habe oft den Eindruck, ich werde die damalige Prägung nicht los. Aber ich will sie irgendwann loswerden. Diese untergründige Angst bedeutet eine unglaubliche Schwere im Leben. Man weiß nicht, wann und ob die Angst jemals aufhört.

          Sprechen Sie heute mit Ihren Eltern über die Zeit der Militärdiktatur?

          Mein Vater kann sich nicht darauf einlassen, er ist gelähmt. Ich weiß wiederum von meiner Mutter, dass er damals immer in Panik gewesen ist, er könne verwechselt und deshalb verschleppt werden. So etwas kam durchaus vor. Mein Vater unterrichtete an einer Schule, dorthin fuhr er mit der Bahn. Die 500 Meter vom Bahnhof zu uns nach Hause musste er abends meist in Dunkelheit laufen. Die Militärjunta war derart unberechenbar, dass es jeden hätte treffen können, auch die, die sich nicht äußerten. Als ich – es war bereits die Zeit der Demokratie in Argentinien – anfing, abends zum Tanzen auszugehen, nervte er mich immer, ich müsse einen Personalausweis mitnehmen. Ich wiederum hatte keine Lust, eine Handtasche umzuhängen, wir stritten darüber. Erst viel später verstand ich, dass es seine Angst vor Verwechslung war, die einfach immer weiter wirkte, aber das konnte er nicht sagen. Man merkt, wie wirksam die Perfidie dieses Systems war, das den Menschen auch ihre Sprache genommen hat.

          Gilt das auch für Ihre Mutter, auch heute?

          Sie verkörpert das Gegenteil, was natürlich auf Verdrängung zurückzuführen ist. Fragt man sie, ob sie Angst hatte, entgegnet sie: Nein, warum denn? Das kann man natürlich nicht glauben. Das Nicht-Ausgesprochene und die Unklarheiten, mit denen ich die Leser meines Romans konfrontiere, sind auch in dieser Zeit verankert.

          Weil Sie tatsächlich erlebt haben, wie Menschen verschwanden?

          Richtig. So ging es mir mit zwei sehr geliebten Schulfreundinnen. Eine, sie hieß auch Cecilia, sah ich morgens noch auf dem Schulkorridor mit ihren Eltern. Eine halbe Stunde später kam die Direktorin der Schule in unser Klassenzimmer und teilte uns mit, Cecilia habe die Schule verlassen. Ich habe sie nie wiedergesehen. Eine andere Freundin war ebenfalls von einem Moment auf den anderen nicht mehr da; anders als Cecilia hat sie sich verabschiedet. Sie schrieb mir per Luftpost einen Brief: Dass sie die Schule gewechselt habe, und dann noch, dass sie mit ihrem Vater am Wochenende angeln gewesen sei: Eine „Corbina“ hätten sie gefischt. Ich zeigte den Brief meiner Mutter.

          Und wie reagierte sie?

          Sie las ihn mit mir, sagte dann, so, jetzt lesen wir ihn noch einmal und korrigieren den Rechtschreibfehler, denn „Corvina“ war falsch geschrieben, man schreibt das Wort mit v und nicht mit b. So gingen wir in unserer Familie mit Nöten und Unklarheiten um. Wir hatten weder dafür noch für unsere Gefühle eine Sprache. Auch deswegen ist es jetzt gerade so wichtig, auf die Sprache und den Subtext zu achten, etwa, Euphemismen nicht zuzulassen. „Proceso de Reorganización Nacional“ nannten die Militärs sich, ihren Putsch und ihr Terrorregime – „Prozess der nationalen Reorganisation“. Auch hier geht es wieder um Grenzen. Die AfD überschreitet sie peu à peu und stellt sich an die Seite von Rassisten, die ihre Parolen schreien. In Chemnitz hielten Menschen Plakate gegen die AfD hoch, darauf stand: „Mut-Bürger“. Darum geht es, Mut zu zeigen, indem man kritisch nachfragt und nicht zulässt, dass es schleichend zur Normalität wird, dass Ängste von Menschen instrumentalisiert werden.

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