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Marcel Reich-Ranicki : Kritiker des Kritikers

Jeder kannte ihn: Marcel Reich-Ranicki war ein deutsch-polnischer Autor und Publizist. Bild: Bernd Arnold / VISUM

Endlich wird über seine Werke gesprochen: Ein Abend in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt widmet sich den Büchern, die Marcel Reich-Ranicki geschrieben hat in der einzig angemessenen Form – als „Literarisches Quartett“.

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          Uwe Wittstock hatte in Köln Heinrich Böll getroffen, der ihn bat, Marcel Reich-Ranicki daheim in Frankfurt etwas auszurichten. Er solle ihn grüßen und ihm sagen, er sei ein Arschloch. Was der Literaturredakteur im Büro des Chefs getreulich erledigte. Reich-Ranicki dankte und sagte: „Im Landser-Jargon von Heinrich Böll ist das ein Kompliment.“

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Was hat es auf sich mit dem Kritiker, der die Kritik an ihm schlagfertig und formulierungsfreudig sofort ins Lob dreht? Was mit dem Verfasser und Herausgeber von mehr als 200 Büchern? Wie schrieb er? Wie liest er sich heute? Und was ist in einer Zeit von seinen Verrissen zu halten, in der die Literaturkritik sich gerne der Samtpfötigkeit bezichtigt, während Reputationen in den sozialen Medien mit einem einzigen Emoji vernichtet werden?

          Im Frankfurter Vortragssaal der Deutschen Nationalbibliothek nehmen auf vier schwarzen Ledersesseln drei Männer und eine Frau Platz. Es handelt sich ganz offensichtlich um ein „Literarisches Quartett“. Zusammengekommen ist es nicht auf den Originalmöbeln der Fernsehsendung – sie sind in der Ausstellung „Marcel Reich-Ranicki – Ein Leben, viele Rollen“ des Deutschen Exilarchivs gleich nebenan zu sehen. Aber der Abend soll durchaus an die Fernsehsendung erinnern, nicht der Person des Kritikers, sondern seinem Werk zu Ehren.

          Wie konnten solche Texte entstehen?

          Auf der Bühne neben Wittstock, der die Ausstellung zusammen mit Exilarchivleiterin Sylvia Asmus zusammengestellt hat: Elke Heidenreich, Hubert Spiegel und Volker Weidermann. Sie alle kannten Reich-Ranicki, haben mit ihm zusammengearbeitet, führen etwas fort von dem, was er begonnen hat. Ganz so wie einst stellt jeder ein Buch vor, über das anschließend diskutiert wird. Nicht zur Feier des Autors, wie Wittstock ergänzt. In Sachen Meriten sei ja alles klar: „Aber vielleicht hatte er auch winzige Schwächen. Es ist durchaus möglich, dass wir darauf eingehen.“

          Heidenreich hat einen kleinen Band aus dem Jahr 1987 mitgebracht, den Reich-Ranicki ihr schenkte, nur zwei Aufsätze, einer über Ärzte in der Literatur, verfasst als Vortrag für den Deutschen Ärztebund, über Schnitzler, Döblin, Tschechow, Bulgakow und andere: „Ich finde ihn in dieser kleinen Schrift schon so, wie ich ihn kennengelernt habe – witzig, gescheit, belesen, böse und mit rabiaten Schlussfolgerungen.“ Es habe aber auch etwas von einem Wikipedia-Eintrag, findet Weidermann, von 2015 bis 2019 bei der Neuauflage des Quartetts im ZDF dabei und heute Leiter des Feuilletons der Wochenzeitung „Die Zeit“. Wie konnten solche Texte ohne Wikipedia überhaupt entstehen, fragt Spiegel, Nachfolger Reich-Ranickis als Herausgeber der „Frankfurter Anthologie“: „Gab es einen Zettelkasten? Hatte er das alles parat?“

          Am wenigsten ausrichten kann der Kritiker bei seinen Kritikern mit „Lauter Verrisse“ aus dem Jahr 1970, „fast ein Markenzeichen“, wie Wittstock bemerkt, großzügig in der Aufnahme einer Kritik an Reich-Ranicki durch Peter Handke, versehen mit einem grundlegenden Essay zu Geschichte und Aufgabe der Literaturkritik. Der Kritiker schreibe für die Leser, heißt es da. Nicht für die Autoren, wie es der von Reich-Ranicki zitierte Goethe wollte, nicht für die Kollegen, wie Benjamin vorschlug. „Die Meinung der Kollegen war ihm schlicht egal“, sagt Wittstock. Die geballten Verrisse, die folgen, haben Weidermann verblüfft: „Das hatte schon etwas Gespenstisches. Diese Wut, dieser Zerstörungswillen.“ Die Runde verweist auf den Einfluss der streitlustigen Publizistik der Weimarer Republik und die Verletzungen eines Mannes, für den die Literatur im Ghetto existenzielle Dimension angenommen hatte. „Wenn es um die Bücher ging, kannte er keine Kompromisse“, sagt Wittstock. Die Unnachgiebigkeit des Tonfalls bleibt der Runde trotzdem fremd. „Wer bin ich denn, in drei Minuten ein Buch in die Tonne zu hauen, wie Denis Scheck das macht?“, fragt Heidenreich: „Das finde ich ganz schrecklich.“

          Mehr Verletzlichkeit verrät der von Spiegel mitgebrachte Band „Meine Schulzeit im Dritten Reich“ aus dem Jahr 1982, zuvor eine Zeitungsserie. „Er war nicht nur Fernsehstar, Buchautor und Rezensent, er war auch Redakteur“, sagt Spiegel: „Das hat er sehr ernst genommen.“ Die Runde nimmt es als gelungenen Versuch Reich-Ranickis, erstmals von seinem eigenen Erleben der Nazizeit zu erzählen. „Er wollte wissen, mit wem umgebe ich mich eigentlich?“, sagt Weidermann: „Und brachte die Menschen zum Sprechen.“ Auf „Mein Leben“ entfällt danach einhelliges Lob. „Der Kritiker wird zum Erzähler“, sagt Spiegel. Und bestehe souverän, fügt Heidenreich hinzu.

          Zwischendurch geht es um „Thomas Mann und die Seinen“, von Weidermann ausgewählt: „Ein Deutschlandroman, als Familiengeschichte erzählt.“ Die Manns seien „die Königsfamilie von Marcel Reich-Ranicki“. Dass Heidenreich den Abend damit beschließt, „Mein Leben“ bleibe, das „Quartett“ aber nicht, ist auch deswegen fraglich. Zum einen greift der Abend, an dem sie teilnimmt, das totgesagte Format auf. Zum anderen zählen zum Deutschlandroman als Familiengeschichte inzwischen auch die Reich-Ranickis. Da bleibt mehr, als man denkt.

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