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Marcel-Proust-Sammlung : Das Werk des Schreibfräuleins

Mythos Marcel Proust: In Paris wird eine Sammlung versteigert, deren Objekte aus der Wohnung des Schriftstellers stammen. Doch damit droht sie in die ganze Welt verstreut zu werden.

          Die Idee hatte der Autor schon früh. Im November 1918, gerade noch während des Kriegs, schrieb Marcel Proust seinem Verleger Gaston Gallimard, dass der bereits mehrfach durch die Bedrängnisse der Zeit verschobene Roman „À l’ombre des jeunes filles en fleurs“ (Im Schatten junger Mädchenblüte) doch wohl besser zu finanzieren sei, wenn man zusätzlich zur regulären eine Sonderausgabe veranstalte: auf Bibelpapier, mit großzügigem Satz (Proust war entsetzt über die ersten Fahnen), schön gebunden und mit dem gewissen Etwas dadurch, dass er pro Exemplar mehrere seiner Manuskriptseiten beilegen lassen wolle – als bibliophiles „Lockmittel“, wie er sich ausdrückt, „was ich zwar nicht verstehe, aber die Seele der Bibliophilen bleibt mir ohnehin eher verschlossen“. Aber wenn es denn dem Absatz der mit dreihundert Franc gegenüber dem normalen Buch hundertmal teureren Vorzugsausgabe diene, dann hinein mit diesen Extras.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das Problem war allerdings: Es gab gar kein klassisches Manuskript mehr. Proust hatte fünf Jahre zuvor „Du côté de chez Swann“ publiziert (auf Deutsch zunächst „In Swanns Welt“, nun auch „Unterwegs zu Swann“ oder „Auf dem Weg zu Swann“), den Auftakt zum Romanzyklus „À la recherche du temps perdu“ (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit), der den Autor bis zu seinem Tod 1922 beschäftigen sollte, als gerade einmal der vierte von sieben Teilen erschienen war. Der Rest kam dann postum auf der Grundlage von Prousts weit fortgeschrittenen Niederschriften heraus. Aber da er die Gewohnheit hatte, bis zur letzten Minute, noch in die Korrekturgänge beim Druck hinein, weiter an seinem Text zu arbeiten, weiß man nicht, welche Gestalt die letzten drei Bücher angenommen hätten, wenn ihrem Autor mehr Zeit beschieden gewesen wäre.

          Marcel Proust

          Auch beim zweiten Band, „Im Schatten junger Mädchenblüte“, reizte Proust die Zeit aus, und davon hatte er dieses eine Mal weitaus mehr, als ihm eigentlich lieb war. Denn bei Kriegsausbruch 1914 hatte der Verleger des ersten Bandes, Bernard Grasset, schon eine druckfertige Version des zweiten erstellt, die aber durch die politischen Ereignisse nicht ausgeführt wurde, obwohl dem Autor schon die Fahnen zur Korrektur übersandt worden waren. Dann übernahm Gallimards renommiertes Verlagshaus der „Nouvelle Revue Française“, das die Veröffentlichung des Auftaktbandes noch abgelehnt hatte, von Grasset das ganze Romanprojekt, zögerte die Publikation aber noch um Jahre hinaus, in denen Proust auf der Grundlage der alten Fahnen den Text immer mehr erweiterte, in verschiedensten Notizheften. 1917 übergab er sie dem Verlag, doch nun mussten diese Erweiterungen irgendwie in den Ursprungstext eingearbeitet werden.

          Mangel an Bestellern

          Diese Aufgabe stellte sich 1918 einer gewissen Mademoiselle Rallet, die als Schreibfräulein bei der „Nouvelle Revue Française“ arbeitete. Ihr Name gehört zu den unbekannten der Proust-Philologie, in keiner der einschlägigen Biographien oder Werkstudien taucht er auf, obwohl Mlle Rallet entscheidend zum Mythos des Autors beigetragen hat: Um dem Konvolut der Korrekturen und Erweiterungen nämlich Herrin zu werden, zerschnitt die Schreibkraft die Notizbücher und klebte die darin notierten einzelnen Passagen in der von Proust gewünschten Reihenfolge auf mehr als halbmeterbreite Papierbögen, dazwischen jeweils die Ausschnitte der alten Grasset-Fahnen, teilweise in von Proust korrigierter, teilweise in unbearbeiteter Form. So ergab sich ein gewaltiges Puzzle, dessen Anblick an moderne Kunst erinnert und Proust begeisterte: „Dieses Manuskript ist trotz meiner schrecklichen Handschrift wunderschön und vermittelt den Eindruck eines Palimpsests dank der Person, die es mit unendlichem Geschmack zusammengeklebt hat.“

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