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Neun Erzählungen Prousts : Ganz er selbst, auch schon in jungen Jahren

  • -Aktualisiert am

Briefe und Dokumente des französischen Autors Marcel Proust bei einer Auktion in Paris. Bild: AFP

Ein Band bislang unveröffentlichter früher Texte zeigt, wie Marcel Proust denkt und sortiert, aussortiert, anders justiert – noch ohne konkretes Ziel. Von den allermeisten dieser Erzählungen war nicht einmal die Existenz bekannt.

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          Der literarische Herbst in Paris begann dieses Jahr mit großem Trubel um einen mysteriösen Roman: Er wurde in schwindelerregend hoher Auflage gedruckt und entpuppte sich nach viel Rätselraten als ein Werk von Françoise Sagan – das weder ganz von ihr war noch überzeugen konnte. Darüber ging der Fund aus dem Nachlass eines anderen, weit bedeutenderen modernen Klassikers fast unter, der weniger spektakulär daherkam und verhältnismäßig bescheiden beworben wurde: Es handelt sich um neun Erzählungen von Marcel Proust (1871 bis 1922) aus den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Die Überraschung war groß, weil von acht dieser Texte nicht einmal die Existenz bekannt war.

          Die Erzählungen sind Satelliten aus dem Gravitationsfeld von „Freuden und Tage“ (1896), dem ersten Buch des jungen Autors, das Veröffentlichungen aus Zeitschriften zusammenfasste und durch neue Kompositionen ergänzte. Um Letztere handelt es sich bei den nun publizierten Texten, die bisher (mit eben einer Ausnahme) nur in Manuskriptform vorlagen. Meist sind sie unvollendet, dennoch zeichnen sich wichtige Mechanismen, zentrale Motive, treffende Formeln der „Suche nach der verlorenen Zeit“ (1913 bis 1927) in ihnen ab; man liest sie und die kundigen Ausführungen des Herausgebers mit großem Gewinn und stiller Freude.

          Typisch ist gleich die Novelle „Pauline de S.“: Der Erzähler besucht eine Sterbenskranke und erwartet, sie quasi im Büßerhemd, ganz dem Jenseits zugekehrt anzutreffen. Stattdessen präsentiert sich ihm eine zwar blasse, aber ungebrochen lebenshungrige Mondäne, die ihre „conversation brillante“ pflegt und ein amüsantes Stück des Vaudeville-Autors Eugène Labiche sehen möchte.

          In gut der Hälfte der Erzählungen wird die Situation – oft tödlicher – Krankheit gewählt, die für das Fin de Siècle einschlägig ist; in „Freuden und Tage“ finden sich weitere Beispiele, etwa „Der Tod des Baldassare Silvande“. Die Situation ist Prousts Lackmustest, um die wahre Natur des Menschen zu zeigen. Die Opposition zwischen zeitfressendem Gesellschaftsleben und zeitfindender Kunst, die für die „Suche nach der verlorenen Zeit“ grundlegend sein wird, zeigt sich hier als die traditionelle Opposition von weltlicher Zerstreuung und christlicher Einkehr, so, wie sie der französische Moralismus des siebzehnten Jahrhunderts kodifiziert hat; dieser christliche Strang ist präsenter als in „Freuden und Tage“.

          Wie ein Hantieren mit Stoffen

          Es liegt nahe, den Band als Labor zu begreifen, und das Vorgehen des Autors als „Experimentieren“. Tatsächlich probiert der junge Autor viele Formen aus, sei es das Märchen, die Parabel oder das Totengespräch, und wechselt souverän die Stilregister. Ob naturwissenschaftliche Begriffe es treffen, ist weniger sicher: Proust verstärkt zeittypische Stil- und Formmischungen, brilliert mitunter darin, etwa wenn „Après la 8e symphonie de Beethoven“ (Nach Beethovens achter Symphonie) den Leser in eine mystisch-sinnliche Begeisterung hineinzieht, die jedoch nicht die eines Liebenden ist, sondern sich, so die finale Pointe, als leidenschaftliche Musikverehrung entpuppt. Zugleich aber höhlt Proust Denk- und Stilmuster aus, prägt sie um, entwickelt sie neu. Es ist eher eine Arbeit in der Materie als ein Hantieren mit Stoffen: Proust denkt und schreibt sich seinen Weg aus der Fülle heraus, sortiert, sondert aus, justiert anders – noch ohne konkretes Ziel. Am Ende sind viele Werte ent- oder umgewertet, etwa die christlichen Topoi.

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