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Gespräch mit Marcel Beyer : Hat Adorno beim Busen-Attentat geweint?

Büchner-Preisträger Marcel Beyer im Berliner Literaturhaus Bild: Jens Gyarmaty

Marcel Beyer hat ein Buch geschrieben über Tränen und Gründe, sie zu vergießen. Im Gespräch verrät er, warum es ausgerechnet mit einem Politiker in den achtziger Jahren beginnt.

          Sie haben ein Buch über Tränen geschrieben und zitieren Roland Barthes: „Wer schreibt eine Geschichte der Tränen?“, fragte der 1977. Aber eine Geschichte der Tränen ist ihr Buch nicht. Was ist es dann?

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine Kulturgeschichte zu schreiben und damit chronologisch vorzugehen, Kausalitäten herzustellen, ist nichts, was mich reizt. Meine Herangehensweise ist völlig anders. Ich gehe dem nach, was meine Aufmerksamkeit weckt, und dabei beobachte ich mich selbst in meiner Wahrnehmung. Vor ungefähr zehn Jahren sind mir Tränen in der Öffentlichkeit und Tränen in der Vertrautheit als Motiv in den Blick geraten. Ich begann, Verbindungen zu ziehen zwischen scheinbar weit auseinander liegenden Tränenmomenten in Zeitungsmeldungen, in Manager-Handbüchern und natürlich in der Literatur. Ich habe eher Nachbarschaften hergestellt, als dass ich irgendwelche Folgerungen aus den Tränenverwandtschaften hätte ziehen wollen. Wenn ich mit einem Motiv arbeite - das ist beim Gedichteschreiben bei mir auch so - will ich, dass es sich irgendwann von seiner Motivhaftigkeit löst und so zu einer Art Verbindungsstoff werden kann.

          Ihr Buch heißt „Das blindgeweinte Jahrhundert“. Und man denkt erst, es gehe um Tränen, die von der Gewalt und den Leiden des zwanzigsten Jahrhunderts ausgelöst wurden. Aber dann geht es um die achtziger Jahre und Helmut Kohl!

          Das zwanzigste Jahrhundert ist die Bühne, auf der in diesem Buch alle auftreten. Die Barbarei läuft deshalb untergründig mit, sie gehört zum Hallraum.

          Aber Helmut Kohl stand am Anfang?

          Ja, Helmut Kohl, der bei seinem Staatsbesuch in Israel die „Gnade der späten Geburt“ erfand. Ich war im Wallis und besuchte, eher aus Langeweile, das Grab von Rainer Maria Rilke in Raron. Am Grab entdeckte ich eine Gedenktafel, auf der die Gemeinde Raron Helmut Kohl für seinen Besuch an diesem Grab dankt. Und zwar am 14. April 1989 – wenige Monate später hat sich die gesamte Welt verändert. April 1989, das war plötzlich „früher“, als es offenbar nichts Wichtigeres zu tun gab, als das Grab eines toten Dichters zu besuchen, dessen Verse bereits eine Generation zuvor nur noch als elend lange Weichspülerwerbung wahrgenommen wurden. Genau diese vermeintliche Harmlosigkeit Rilkes hat Helmut Kohl später geschickt genutzt, als es darum ging, den Kalten Krieg endgültig zu beenden, wenn er in seiner Rede zum Abzug der russischen Streitkräfte Rilke als großen Russlandfreund hervorhob. Alles Tränensituationen: Rilke lesen, am Grab von Rilke stehen, als Mitglied der GUS-Truppen Abschied nehmen.

          Würden Sie sagen, dass Tränen irgendwann ihre Unschuld verlieren? Dass sie als Zeichen wahren Gefühlsausdrucks verstanden wurden, aber ein Inszenierungsverdacht mitschwingt, seitdem sie öffentlich vergossen werden?

          Marcel Beyer: „Das blindgeweinte Jahrhundert“

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