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Bei Friederike Mayröcker : Eine Gleichung von mathematischer Eleganz

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Die österreichische Schrifstellerin spricht im Wiener Café Rüdigerhof mit Marcel Beyer über ihr Lebenswerk. Bild: Jacqueline Godany

Friederike Mayröckers Werk hat seinen Blick auf die Welt und die Literatur verändert. Jetzt hat Marcel Beyer, der im November den Büchner-Preis erhält, die große Dichterin in ihrer Heimatstadt Wien besucht.

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          Gleich nebenan, im Ecklokal der Hausnummer 14, hat vor wenigen Monaten die erste Hipster-Bar des Viertels aufgemacht. Über Wochen haben die Betreiber mit akribischer Wildheit Tapetenfetzchen auf den blanken Putz gekleistert, einen kunstvoll abgerissenen Zustand hergestellt, bis der Gastraum endlich so aussah, wie noch Ende der achtziger Jahre manche Behausung in den umliegenden Gassen ganz selbstverständlich ausgesehen hat.

          Ich erinnere mich, wie mir damals immer ein wenig mulmig war, wenn ich auf dem Weg zu Friederike Mayröckers Wohnung die vier Stockwerke hinauf an einer stets offenstehenden Tür vorbei musste: In der fensterlosen Kammer dahinter sah man tagein, tagaus einen vor sich hin brütenden Mann im verschwitzten Unterhemd am Tisch sitzen. Huschte man als Schatten über sein Gesicht, konnte es passieren, dass der alte Katatoniker wie in Todesangst zu brüllen anfing, um sich imaginärer Eindringlinge zu erwehren.

          Gegenüber ein Riesensupermarkt, der bis 1999 den abstrusen Namen „Pampam“ trug. Eine Quergasse weiter unten das Vereinslokal der Wiener Hells Angels. In meiner Erinnerung war die Gasse früher gesäumt von Altwarenhändlern, der Blick in die Souterrains fiel auf zusammengewürfeltes Mobiliar, Heftchenromanstapel, unbeholfene Landschaftsmalerei und Beethovenbüsten aus Gips, lauter Zeug, das es nicht in den Antiquitätenhandel geschafft hatte.

          Leben = Schreiben

          In diesem nicht besonders ansehnlichen Quartier im fünften Wiener Gemeindebezirk, in dieser Abgrundgegend also, weitgehend bevölkert von Unterschichts- und Randexistenzen, unter Menschen, von denen die wenigsten jemals ein Buch auch nur in der Hand gehalten haben dürften, lebt eine der größten Dichterinnen, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat, lebt Friederike Mayröcker seit ihrer Geburt am 20. Dezember 1924, vier Uhr nachmittags.

          Vor sechzig Jahren, 1956, erschien ihr erstes Buch. Anfang der achtziger Jahre, als sie bereits ein Mammutwerk aus Gedichten und Prosa und Hörspielen im Rücken hatte, wurden ihre Bücher „Reise durch die Nacht“ und „Das Herzzerreißende der Dinge“ von Melancholie und Zerbrechlichkeit und Verzagen durchwirkt, als glaubte sie selbst, nun in die Phase des Alterswerks zu gleiten. Da war Friederike Mayröcker gerade sechzig Jahre alt. Auf die neunzig zugehend, entschied sie, es sei an der Zeit, eine Trilogie zu schreiben, die erste ihres Lebens, bestehend aus „études“, „cahier“ und, in diesem Frühjahr 2016 erschienen, „fleurs“.

          Im November erhält er den Büchnerpreis: Marcel Beyer
          Im November erhält er den Büchnerpreis: Marcel Beyer : Bild: Picture-Alliance

          Es erübrigt sich fast anzumerken, dass sie seit vergangenem September wieder tief in der Arbeit an einem neuen Werk steckt. Leben = Schreiben: Mir fiele niemand ein, für den diese Gleichung so wenig antastbar, so produktiv, schlicht unumstößlich wahr wäre wie für Friederike Mayröcker. Eine Gleichung von mathematischer Eleganz.

          Die reichen Großeltern

          Wir sitzen im Perchtenstüberl, am Zentaplatz, keine fünfzig Meter von Friederike Mayröckers Wohnhaus entfernt. Ein Mann kommt herein und grüßt fröhlich: „Guten Morgen!“ Der greise Betriebsschäferhund freut sich wie irre, er wedelt die halbe Kneipe um. Es ist zwanzig vor vier am Nachmittag. Hier trinken die Damen von schräg gegenüber ihren Kaffee, wenn im „Studio Relaxe“ Freierflaute herrscht.

          „Die waren reich“, antwortet Friederike Mayröcker, ohne Raum für Zweifel zu lassen, als ich sie nach ihren Großeltern mütterlicherseits frage, die in der Parallelstraße zwei Delikatessengeschäfte besaßen, weit zurück, bis Mitte der dreißiger Jahre. „Und wir“, ergänzt sie ebenso deutlich, „waren bettelarm.“ Sehr jung und finanziell von der Familie abhängig waren Franz Xaver und Friederike Mayröcker senior, als ihre Tochter Friederike in der großen, großelterlichen Wohnung im ersten Stock der Wiedner Hauptstraße 90–92 zur Welt kam. 1927 ergab sich die Möglichkeit, einen eigenen Haushalt zu gründen, fast möchte man sagen: in Rufweite, gleich um die Ecke in der Anzengrubergasse 17. Was als Übergangswohnung gedacht war, wurde für die Eltern zum lebenslangen, beengten Provisorium – der Vater starb 1978, die Mutter 1994.

          Läuft man die Anzengrubergasse hinunter in Richtung ihrer heutigen Wohnung, sind es wiederum nur zwei Minuten bis in die Nikolsdorfer Gasse 8, in der Friederike Mayröcker im September 1930 bei den Englischen Fräulein eingeschult wurde. Nach einer Hirnhautentzündung im ersten Lebensjahr wollten die Eltern das zarte Kind vor den Ansteckungsgefahren schützen, die sie in einer öffentlichen Schule befürchteten. Die Privatschule mit einer Klassenstärke von zwölf Kindern, ganz in der Nähe gelegen, kam ihnen gerade recht.

          Behütetes Kind aus prekären Verhältnissen

          Ob zu Hause immer Hochdeutsch gesprochen wurde, frage ich, oder ob sie als Kind etwas vom wienerischen Gassendeutsch der Kinder auf der Straße aufgeschnappt habe. Nein, ihr Vater sei schließlich selbst Lehrer gewesen, auf ein gutes Hochdeutsch wurde großer Wert gelegt.

          Friederike Mayröcker zählt wegen ihrer Lyrik zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum – viele ihrer Werke wurden in andere Sprachen übersetzt. Die Österreicherin arbeitete von 1946 bis 1969 als Englischlehrerin an Hauptschulen.
          Friederike Mayröcker zählt wegen ihrer Lyrik zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum – viele ihrer Werke wurden in andere Sprachen übersetzt. Die Österreicherin arbeitete von 1946 bis 1969 als Englischlehrerin an Hauptschulen. : Bild: Godany, Jacqueline

          Außerdem: „Meine Eltern haben mich nicht auf die Gasse gelassen.“

          „Wolltest du denn auf die Gasse?“

          Wie aus der Pistole geschossen: „Nein.“

          Mit dem Alter kommt das Langzeitgedächtnis, sagt man. Vielleicht aber verhält es sich auch anders, vielleicht steckt man in der Jugend schmerzhafte Erinnerungen einfach leichter weg, während mit den Jahren die Abwehrkräfte nachlassen und die Bilder einen überfallen, so vehement, dass man im Bruchteil einer Sekunde wieder dasteht wie am Tag der allerersten Erinnerung. Als ABC-Schütze. Als in die Welt geworfenes Bündel.

          Ein behütetes Kind aus prekären Verhältnissen, hochsensibel, unter Kindern aus der gehobenen Wiener Gesellschaft. Eines Tages, als sie wieder einmal in einem nicht eben schmucken Mantel in der Schule erschien, rief eine Mitschülerin: „Schaut, die Fritzi sieht heute wieder so verpumpeidelt aus!“

          Die fürchterliche Macht der Sprache

          Mir ist dieses Wort nicht geläufig, ich frage nach, es bedeutet soviel wie >nachlässig, verpfuscht, verschlampt, heruntergekommen<, und um mitschreiben zu können, lasse ich es mir von Friederike Mayröcker buchstabieren.

          „V-E-R-P-U-M-P-E-I-D-E-L-T.“

          Ob das ein geläufiger wienerdeutscher Ausdruck sei? Sie schüttelt den Kopf. Ob sie dieses Wort seitdem überhaupt jemals wieder gehört habe? „Nein.“

          Eine frühe Erfahrung der mitunter fürchterlichen Macht der Sprache, unmittelbar körperlich, schockhaft, nach fünfundachtzig Jahren Buchstabe für Buchstabe präsent. Diese Demütigung saß tief. Und es ist kein Wunder, wie ich nachher feststelle, dass Friederike Mayröcker das Wort nur aus dem Mund ihrer gehässigen Schulkameradin kennt, als singulären bösen Zauber. Denn „verpumpeidelt“ oder „verbumbeidelt“ oder „verdumdeidelt“ ist: „Datterich“-Deutsch! Südhessen! Die Mitschülerin griff also damals in der Sprachkiste ganz nach unten – und traf damit zielgenau ins Herz.

          „Aber die“, so Friederike Mayröckers wienerisch-trockener Kommentar, „ist auch schon lange tot.“

          Blitzverbrüderung ohne Worte

          Im Perchtenstüberl, in diesem Nachbarschaftsbeisl, kann Friederike Mayröcker sich aufgehoben fühlen. Man kennt ihren Getränkewunsch (allerdings habe ich in Wien seit zwanzig Jahren keine Kellnerin und keinen Ober mehr erlebt, die sich ihr anders als mit „Ein Pago für Sie?“ genähert hätten), man weiß, dass eine große Dichterin zu Gast ist, die hier gelegentlich mit Viertelsfremden, mit Freunden einkehrt.

          Was genau sie jedoch schreibt, weiß in ihrem Lebensbezirk wohl nur einer: der Schneider, der seit Jahrzehnten neben dem „Studio Relaxe“ seinen Betrieb führt. Denn alles, was sie aus der Welt da draußen aufsaugt, notiert, in ihre Literatur wandern lässt, gibt Friederike Mayröcker an diese Welt auch zurück: so 1992 den bibliophilen Druck mit dem Titel „Proëm auf den Änderungsschneider Aslan Gültekin“, in dem von einer zufälligen Alltags-Augenbegegnung zwischen Schneider und Dichterin die Rede ist, einer Blitzverbrüderung ohne Worte. Draußen in der Welt sein, um tief in die Welt der Literatur einzutauchen – das Gedicht mündet in die Zeile: „mit FARNKRAUT AUGEN, Breton“.

          Wir sitzen in Friederike Mayröckers Küche, unterm Dach. Immer war ihr die französische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts wichtig, insbesondere Prosawerke, die sich unter der schönen, im Deutschen undenkbaren Gattungsangabe „récit“ fassen lassen, also einem Erzählen, das nicht auf einen Plot angewiesen ist, mit leichter Hand zwischen Beobachtung und Imagination wechselnd, das Ineinandergreifen von Schreiben und Leben reflektierend: das Farnkraut-Augen-Buch „Nadja“ von André Breton etwa, „Mannesalter“, der Auftakt des lebenslangen Autobiographieprojekts von Michel Leiris, der Bericht „Sommer 1980“ von Marguerite Duras, Maurice Blanchots „Der Wahnsinn des Tages“, die Meskalinbücher von Henri Michaux oder das Werk Claude Simons, in dem so gut wie nichts erfunden ist, ohne dass es darum am Fliegenpapier Wirklichkeit klebte. Kurzum: das absichtslose Erzählen.

          Die Hinwendung zu Jacques Derrida

          Keine Leseliebe aber hat so lange gehalten, ist bis heute so intensiv und euphorisch und anregend wie Friederike Mayröckers Leseliebe zu Jacques Derrida. Ob sie sich noch erinnere, wie sie ursprünglich auf ihn gestoßen sei, frage ich sie. Friederike Mayröcker steht auf und holt den ersten Band von Derridas philosophischem Briefroman „Die Postkarte“ aus dem Nebenzimmer – mindestens drei Exemplare dieses Buches finden sich in ihrer überbordenden Arbeitsbibliothek. Unter welchen Umständen es dorthin gefunden hat, bleibt im Dunkeln, doch die Arbeitszusammenhänge können wir rekonstruieren: Die deutsche Übersetzung von „La carte postale“ erschien 1982, und die Lektüre muss sich nahezu unmittelbar als schreibfördernd erwiesen haben, finden sich doch die ersten Derrida-Bezüge in dem 1982/83 entstandenen Prosawerk „Reise durch die Nacht“.

          Permanente Begleitlektüre: Jacques Derrida
          Permanente Begleitlektüre: Jacques Derrida : Bild: Picture-Alliance

          „Die Postkarte“ sollte in den folgenden Jahren eine konstante Begleitlektüre bleiben, doch es scheint, dass sich das Derrida-Verlangen nach dem Tod von Ernst Jandl im Juni 2000 noch einmal verstärkte, ja, mehrfach potenzierte, da Friederike Mayröcker in Begleitung ihrer seitdem engsten Vertrauensperson, Edith Schreiber, im Wintersemester 2004/2005 die Vorlesung „Freud, Lacan, Derrida“ besuchte, die der Psychoanalytiker Michael Turnheim im Hörsaal B des Allgemeinen Krankenhauses von Wien hielt.

          Spuren dieser Lektionen wie der neu entflammten Derrida-Liebe finden sich 2005 in „Und ich schüttelte einen Liebling“, dem großen Trauerarbeitsbuch um den verlorenen Lebensgefährten, und in einem im Mai 2004 entstandenen Text mit dem Titel „J. D.“ heißt es: „Wollte ihn sehen wollte mit ihm sprechen vor allem über seine Fußnoten Bekenntnisse die Zeile an Zeile (= Wange an Wange) mit den Fußnoten des Aurelius Augustinus standen in dem Buch ,Jacques Derrida. 1Porträt von Geoffrey Bennington und Jacques Derrida‘.“

          „Glas“ kam einer Offenbarung gleich

          Fußnoten, Bekenntnisse: Wie die Derrida-Lektüre ohne den Umweg über Ideenhorizonte oder die Spur philosophischer Überlegungen auf das Schreiben Friederike Mayröckers einwirkt, zeigt sich in „ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nicht geschriebenen Werk“, das tatsächlich zur Gänze aus Fußnoten besteht – „zum 5.x Derrida/Bennington ausgelesen“, liest man dort in der Fußnote 128, auf den Mai 2009 zu datieren, sowie, bereits in Fußnote 106: „und ich habe mir GLAS von Jacques Derrida gekauft“.

          „Glas“, zu deutsch: Totenglocke, Totengeläut, 1974 erschienen, aber erst 2006 – vom Titel selbst abgesehen – ins Deutsche übersetzt, sollte das Buch von Derrida sein, das sie fortan, anders als „Die Postkarte“, niemals verlegen, aus den Augen verlieren, ein zweites und drittes Mal erwerben würde – weil sie ihr inzwischen über und über mit Anstreichungen versehenes Exemplar seit jenem Mai immer bei sich trägt. Ausgerechnet dieses Werk des Philosophen, das selbst von eingefleischten Derrida-Freunden als „enigmatisch“ bezeichnet wird, womit nichts anderes gemeint ist als: ungenießbar.

          Friederike Mayröcker dagegen kam „Glas“ bei der Arbeit an ihren fünf großen seit 2010 erschienenen Büchern jedesmal von Neuem einer Offenbarung gleich. In „fleurs“ nun, dem Abschluss der Trilogie, wird die anhaltende Faszination selbst reflektiert, ausgehend vom Buchobjekt und der Textgestalt: „ich meine es nimmt mich wunder seit etwa 6 ½ Jahren lese ich in GLAS von Jacques Derrida. Das Buch ist zerlesen sein Leim oder Leib hat sich aufgelöst es ist empfindlich wie Glas: eine Lieblingsfarbe“, und: „Ich erlebe Wunder mit GLAS was mein Schreiben angeht: ich schlage das Buch z.B. auf Seite 142 auf und erblicke 3 Kolumnen geheimnisvoller Texte. Links die Anstrengung v. Hegel, mittig das Zitat eines Jean Genet Textes (,wie im Tagebuch eines Diebes, das man in allen Richtungen wird durchlaufen müssen, um dort alle Blumen abzuschneiden oder einzusammeln‘) und rechts, in Kursivdruck, nierenwärts, nochmals ein Zitat von Jean Genet.“

          „Wie kommt man da raus?“

          „Glas“, ein Buch der Parallelbewegungen und Abzweigungen, der Einschüsse und Ausfransungen, ein Buch, das mitten im Satz beginnt und mitten im Satz endet – so negiert das geschriebene Totengeläut den Tod. Insofern ist es alles andere als ein Wunder, wenn Friederike Mayröcker mit fünfundachtzig Jahren elektrisiert wird, in anhaltende Euphorie gerät, da Jacques Derrida sich, um Jahrzehnte verzögert, als enger Verwandter zu erkennen gibt, als Mitstreiter im Geiste schon seit 1974, und dies nicht nur hinsichtlich der Schreibauffassung, sondern, unauflösbar damit verwoben, im Aufbegehren gegen das Ende.

          Wir sitzen in einem anderen Stammlokal Friederike Mayröckers, in einer Stimmung, die sie 2013 in „études“ beschrieben hat: „im Gastgarten des Rüdigerhofs die Nachmittage verbracht/unter den grünen Baldachinen der Bäume solch 1 Sommer im Hinter-/grund der seichte Wienflusz und das ferne Donnern der Bahn“.

          „Wie kommt man da raus?“, fragt sie, womit weit mehr gemeint ist als nur jene wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in die ihre Eltern und Großeltern Anfang der dreißiger Jahre tiefer und tiefer hineinrutschten. Sie meint den Familienalptraum, aus dem es kein Erwachen gibt.

          Verstocktes Sündenkraut

          Der Vater war Lehrer. Das Geld reichte nicht. Die Eltern gründeten ein Taxiunternehmen. Das Geld reichte nicht. Die Eltern eröffneten eine Weinhandlung, und auch diese Investition erwies sich als Fiasko. 1935 wurde das Haus in Deinzendorf zwangsversteigert, in dem Friederike Mayröcker ihre Kindheitssommer verbracht hatte – „um eine lächerliche Summe“, wie sie sich erinnert. Sie sagt: „Und das hat meine Mutter fast umgebracht.“ Sie spricht vom „Zusammenbruch der gesamten Familie“. Die geliebte Großmutter erkrankte an Krebs. Die Delikatessengeschäfte gingen zugrunde. Um die Großmutter beerdigen zu können, musste Geld geliehen werden.

          Ja, es herrschte Weltwirtschaftskrise. Im Rückblick aber nahm das Unheil schon früher seinen Lauf, trafen die Eltern ökonomische Entscheidungen nicht eben mit glücklicher Hand. Symbolisches Trumm einer Kette von Fehleinschätzungen ist der ominöse Konzertflügel, der durch das Werk Friederike Mayröckers geistert und von dem sie sich bis heute nicht hat trennen können. Anfang der dreißiger Jahre schenkten die Eltern der Tochter zu Weihnachten einen gebrauchten Bösendorfer. Und sich selbst damit wohl das Versprechen, der – samt Konzertflügel nun natürlich noch engeren – Provisoriumswohnung zu entkommen, der räudigen Gegend, der Existenz am unteren Rand der Wiener Gesellschaft. Ein Konzertflügel, um die Abstiegsangst im Zaum zu halten, die Aufstiegshoffnungen zu befeuern.

          Friederike jedoch saß ihre Klavierstunden lustlos ab. Mit schlechtem Gewissen. Als „verstocktes Sündenkraut“ hat sie sich in diesem Zusammenhang bezeichnet, wobei das Sündenkraut nicht etwa ein Neologismus ist, sondern eine oberösterreichische Bezeichnung für den Spitzwegerich. Irgendwann funktionierte sie das kulturbürgerliche Möbelstück um – zum Stehpult: „In dieser Taille, da habe ich gestanden und geschrieben“, sagt sie. Dort wurden zunächst Schularbeiten erledigt, dann die ersten Gedichte geschrieben. Später diente ihr der Bösendorfer als Ablage für die sich häufenden, häufenden Manuskripte – sie vernachlässigt ihre „études“ und füllt statt dessen ihr „cahier“.

          Der Todesstoß

          „Gestochen scharf, eingepflanzt was wurde mir alles eingepflanzt von Kindesbeinen an, auf das Schreibritual bin ich von selber verfallen –“, heißt es einmal bei ihr, und man spürt eine nahezu unerträgliche Spannung, zwischen Selbstvorwurf und Selbstbehauptungswillen, zusammengepresst in einem Satz, der kein Ende hat.

          Als die Familie am Boden lag und der Vater auf eine neue Erwerbsmöglichkeit sann, verfiel er – seltsame Koinzidenz – auf die Idee zu schreiben. Von Mitte der dreißiger bis Ende der sechziger Jahre erschienen, zunächst im Selbstverlag, mehr als ein Dutzend Bücher und Broschüren: ein Ernährungsratgeber mit dem Titel „Gesunde Menschen“ etwa, in den fünfziger Jahren dann vornehmlich pädagogische Handreichungen, aber auch ein Heft in der Reihe „Mentor für’s praktische Leben und den Fortschritt: Abenteuerliche Jagd auf Menschenaffen.“

          Die Tochter besuchte das Gymnasium, schrieb glänzende Aufsätze, hatte jedoch Schwierigkeiten in Mathematik. Nach zwei Jahren war Schluss: „Fritzi, so geht’s nicht, du kannst nicht studieren, du gehst auf die Hauptschule“, habe ihr Vater gesagt. Friederike Mayröcker erinnert sich heute, als wäre das Urteil vor wenigen Stunden ergangen, und: „Das war für mich der Todesstoß.“

          Schreibwille als Selbstbehauptungswille

          Nach dem Krieg wurde sie, dem Vater folgend, Lehrerin. 1950 legte sie das externe Abitur ab, nahm das Studium der Germanistik auf – doch wieder machten die prekären finanziellen Verhältnisse der Familie den Bildungsträumen den Garaus: „Da musste ich eben mitverdienen.“ Fast ein Vierteljahrhundert – längst war sie eine gefeierte Schriftstellerin – sollte sie an Hauptschulen Englisch unterrichten. Ein Beruf, der sie die Stimme gekostet hat.

          Hundert Schilling habe sie als Junglehrerin verdient, doch der Trotz, der Selbstbehauptungs-, nämlich der Schreibwille zeigte sich auch hier: Von ihrem ersten Gehalt, erzählt Friederike Mayröcker noch immer voller Begeisterung, kaufte sie sich eine Schreibmaschine, die Hermes Baby, deren weichen Anschlag – Pianistinnensensiblilität! – sie bis heute schätzt.

          Genet, das ist der Ginster. Mit ihm, dem Deserteur, dem Dieb, dem Strichjungen, der Anfang der vierziger Jahre im Gefängnis zu schreiben begann, kommt ein zweiter geistiger Bruder ins Spiel. „Notre-Dame-des-Fleurs“ heißt einer seiner Romane, und wenn Friederike Mayröcker für ihr neuestes Buch den Titel „fleurs“ gewählt hat, dann spiegelt sich darin auch etwas von der Genetschen Underdog-Existenz. Seine Werke besitzt sie seit Jahrzehnten, aber erst mit den von Jacques Derrida zusammengestellten und kommentierten Genet-Zitaten in „Glas“ wurde das Feuer entfacht. „Das brennt ununterbrochen“, sagt sie. Liest man „études“, „cahier“ und „fleurs“, meint man, Friederike Mayröcker korrespondiere mit Jean Genet auch über Derridas Kopf hinweg. Als nähme sie die eigene Familiengeschichte in den Blick, meint sie: „Dieses fürchterliche Ganz-unten-Sein hat er mit einer ungeheuren Schönheit beschrieben“, und: „Er hat Bücher gestohlen, er war ganz verrückt nach Büchern.“

          „Wie ein Austausch zwischen der Blume und mir“

          Wie bei ihr öffnet sich bei Jean Genet mit der Blumenfülle eine Welt der – mitunter rohen – Intimität, und wie bei ihr fungieren bei Jacques Derrida die Namen der Blumen als Schaltstellen zwischen sinnlicher Erfahrung und Denkbewegung.

          In der ungeheuren Präsenz der Blume treffen sich die drei. „Das sind immer noch diese Deinzendorf-Reminiszenzen“, sagt sie, indem sie die Augen schließt, „dass ich mich manchmal fühle wie diese Blume.“ Friederike Mayröcker hebt die Arme, formt mit den Händen eine imaginäre Hortensie, die irgendwo schräg hinter meinem Kopf stehen muss: „Es ist fast wie ein Austausch zwischen der Blume und mir.“

          Nun ist es aber eine Sache, als Kind durch die Wiesen zu streifen und sich an der Pracht weißer Lilien zu berauschen, und eine ganz andere, sagen zu können, welche Lilien genau als „Madonnenlilien“ bezeichnet werden. Das unendlich große Blumenlexikon in Friederike Mayröckers Werk hat mich, der ich eine Rose knapp von einer Tulpe unterscheiden kann, immer betört, etwa wenn in „fleurs“ der Eintrag vom 25. Januar 2015 lautet: „damals in D. auf der Schwelle zum Sommerhaus 1000/Schwertlilien, Malven, Ringelblumen, Veilchen, Hyazinthen,/Gauklerblumen, Lupinen, Carolinenrosen ........ ach wie/lieblicher Film vor meinem Auge“.

          „Ich arbeite weiter, so lange ich kann“

          Ob sie die Blumennamen von ihrer Mutter kenne, deren Lieblingspflanze das Farnkraut war, frage ich sie. Friederike Mayröcker lächelt und schüttelt den Kopf. Nein, dieses Wissen hat sie sich nach und nach angeeignet, indem sie bis heute reale Blüten und Blätter mit Abbildungen in Bestimmungsbüchern vergleicht. Weder ihr noch mir ist in diesem Moment bewusst, dass 1936 im „Selbstverlag Franz X. Mayröcker, Wien, V. Anzengrubergasse 17“ ein Band mit dem Titel „Heimische Beeren, Pflanzen und Pilze und ihre Verwendung im Haushalt. Mit Bestimmungstabelle und Blütenkalender“ erschien.

          Friederike Mayröcker hat, wie sollte es auch anders sein, immer ihre schützende Hand über die geliebten Eltern gehalten. 1953 zog sie aus der Familienwohnung in die Zentagasse, aber nicht etwa in luftigere Räumlichkeiten, sondern in eine Anderthalbzimmerwohnung, die sie zudem mit einer Tante teilte. Sie hat dem Haus, dem Viertel von ärmlicher Anmutung, dem – heute nur noch in Erinnerungsspuren vorhandenen – Familienkreis immer die Treue gehalten. Kompromisse geht man im Leben ein. In der Kunst jedoch muss Kompromisslosigkeit walten.

          Berauschende Vorstellung: Friederike Mayröcker, die beim Mittagessen ein paar freundliche Worte mit dem Autohändler wechselt und die nachher jener stets vor dem Supermarkt hockenden jungen Frau zulächeln wird, die wir aus ihren Büchern als Bettler-, als Almosenfigur kennen, sie, Friederike Mayröcker, wird, sobald sie die Tür zu ihrer Wohnung hinter sich geschlossen hat, ein selbst unter Derrida-Lesern kaum bekanntes Werk des französischen Philosophen-Schriftstellers oder Schriftsteller-Philosophen aufschlagen und vom einen auf den anderen Augenblick darin versinken. Wird versinken in Mayröcker-Sätzen wie: „mit vliesartigen Blütenblättern versehene Blumen (all dies ist sehr beladen, nicht wahr:)“ – eine Vorstellung, so berauschend, dass man fast selbst in den Schreibrausch gerät.

          „Wie auch immer“, sagt Friederike Mayröcker zum Ende unseres Gesprächs ruhig und bestimmt, „ich arbeite weiter, so lange ich kann.“

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