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Bei Friederike Mayröcker : Eine Gleichung von mathematischer Eleganz

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In der ungeheuren Präsenz der Blume treffen sich die drei. „Das sind immer noch diese Deinzendorf-Reminiszenzen“, sagt sie, indem sie die Augen schließt, „dass ich mich manchmal fühle wie diese Blume.“ Friederike Mayröcker hebt die Arme, formt mit den Händen eine imaginäre Hortensie, die irgendwo schräg hinter meinem Kopf stehen muss: „Es ist fast wie ein Austausch zwischen der Blume und mir.“

Nun ist es aber eine Sache, als Kind durch die Wiesen zu streifen und sich an der Pracht weißer Lilien zu berauschen, und eine ganz andere, sagen zu können, welche Lilien genau als „Madonnenlilien“ bezeichnet werden. Das unendlich große Blumenlexikon in Friederike Mayröckers Werk hat mich, der ich eine Rose knapp von einer Tulpe unterscheiden kann, immer betört, etwa wenn in „fleurs“ der Eintrag vom 25. Januar 2015 lautet: „damals in D. auf der Schwelle zum Sommerhaus 1000/Schwertlilien, Malven, Ringelblumen, Veilchen, Hyazinthen,/Gauklerblumen, Lupinen, Carolinenrosen ........ ach wie/lieblicher Film vor meinem Auge“.

„Ich arbeite weiter, so lange ich kann“

Ob sie die Blumennamen von ihrer Mutter kenne, deren Lieblingspflanze das Farnkraut war, frage ich sie. Friederike Mayröcker lächelt und schüttelt den Kopf. Nein, dieses Wissen hat sie sich nach und nach angeeignet, indem sie bis heute reale Blüten und Blätter mit Abbildungen in Bestimmungsbüchern vergleicht. Weder ihr noch mir ist in diesem Moment bewusst, dass 1936 im „Selbstverlag Franz X. Mayröcker, Wien, V. Anzengrubergasse 17“ ein Band mit dem Titel „Heimische Beeren, Pflanzen und Pilze und ihre Verwendung im Haushalt. Mit Bestimmungstabelle und Blütenkalender“ erschien.

Friederike Mayröcker hat, wie sollte es auch anders sein, immer ihre schützende Hand über die geliebten Eltern gehalten. 1953 zog sie aus der Familienwohnung in die Zentagasse, aber nicht etwa in luftigere Räumlichkeiten, sondern in eine Anderthalbzimmerwohnung, die sie zudem mit einer Tante teilte. Sie hat dem Haus, dem Viertel von ärmlicher Anmutung, dem – heute nur noch in Erinnerungsspuren vorhandenen – Familienkreis immer die Treue gehalten. Kompromisse geht man im Leben ein. In der Kunst jedoch muss Kompromisslosigkeit walten.

Berauschende Vorstellung: Friederike Mayröcker, die beim Mittagessen ein paar freundliche Worte mit dem Autohändler wechselt und die nachher jener stets vor dem Supermarkt hockenden jungen Frau zulächeln wird, die wir aus ihren Büchern als Bettler-, als Almosenfigur kennen, sie, Friederike Mayröcker, wird, sobald sie die Tür zu ihrer Wohnung hinter sich geschlossen hat, ein selbst unter Derrida-Lesern kaum bekanntes Werk des französischen Philosophen-Schriftstellers oder Schriftsteller-Philosophen aufschlagen und vom einen auf den anderen Augenblick darin versinken. Wird versinken in Mayröcker-Sätzen wie: „mit vliesartigen Blütenblättern versehene Blumen (all dies ist sehr beladen, nicht wahr:)“ – eine Vorstellung, so berauschend, dass man fast selbst in den Schreibrausch gerät.

„Wie auch immer“, sagt Friederike Mayröcker zum Ende unseres Gesprächs ruhig und bestimmt, „ich arbeite weiter, so lange ich kann.“

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