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Bei Friederike Mayröcker : Eine Gleichung von mathematischer Eleganz

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Der Todesstoß

„Gestochen scharf, eingepflanzt was wurde mir alles eingepflanzt von Kindesbeinen an, auf das Schreibritual bin ich von selber verfallen –“, heißt es einmal bei ihr, und man spürt eine nahezu unerträgliche Spannung, zwischen Selbstvorwurf und Selbstbehauptungswillen, zusammengepresst in einem Satz, der kein Ende hat.

Als die Familie am Boden lag und der Vater auf eine neue Erwerbsmöglichkeit sann, verfiel er – seltsame Koinzidenz – auf die Idee zu schreiben. Von Mitte der dreißiger bis Ende der sechziger Jahre erschienen, zunächst im Selbstverlag, mehr als ein Dutzend Bücher und Broschüren: ein Ernährungsratgeber mit dem Titel „Gesunde Menschen“ etwa, in den fünfziger Jahren dann vornehmlich pädagogische Handreichungen, aber auch ein Heft in der Reihe „Mentor für’s praktische Leben und den Fortschritt: Abenteuerliche Jagd auf Menschenaffen.“

Die Tochter besuchte das Gymnasium, schrieb glänzende Aufsätze, hatte jedoch Schwierigkeiten in Mathematik. Nach zwei Jahren war Schluss: „Fritzi, so geht’s nicht, du kannst nicht studieren, du gehst auf die Hauptschule“, habe ihr Vater gesagt. Friederike Mayröcker erinnert sich heute, als wäre das Urteil vor wenigen Stunden ergangen, und: „Das war für mich der Todesstoß.“

Schreibwille als Selbstbehauptungswille

Nach dem Krieg wurde sie, dem Vater folgend, Lehrerin. 1950 legte sie das externe Abitur ab, nahm das Studium der Germanistik auf – doch wieder machten die prekären finanziellen Verhältnisse der Familie den Bildungsträumen den Garaus: „Da musste ich eben mitverdienen.“ Fast ein Vierteljahrhundert – längst war sie eine gefeierte Schriftstellerin – sollte sie an Hauptschulen Englisch unterrichten. Ein Beruf, der sie die Stimme gekostet hat.

Hundert Schilling habe sie als Junglehrerin verdient, doch der Trotz, der Selbstbehauptungs-, nämlich der Schreibwille zeigte sich auch hier: Von ihrem ersten Gehalt, erzählt Friederike Mayröcker noch immer voller Begeisterung, kaufte sie sich eine Schreibmaschine, die Hermes Baby, deren weichen Anschlag – Pianistinnensensiblilität! – sie bis heute schätzt.

Genet, das ist der Ginster. Mit ihm, dem Deserteur, dem Dieb, dem Strichjungen, der Anfang der vierziger Jahre im Gefängnis zu schreiben begann, kommt ein zweiter geistiger Bruder ins Spiel. „Notre-Dame-des-Fleurs“ heißt einer seiner Romane, und wenn Friederike Mayröcker für ihr neuestes Buch den Titel „fleurs“ gewählt hat, dann spiegelt sich darin auch etwas von der Genetschen Underdog-Existenz. Seine Werke besitzt sie seit Jahrzehnten, aber erst mit den von Jacques Derrida zusammengestellten und kommentierten Genet-Zitaten in „Glas“ wurde das Feuer entfacht. „Das brennt ununterbrochen“, sagt sie. Liest man „études“, „cahier“ und „fleurs“, meint man, Friederike Mayröcker korrespondiere mit Jean Genet auch über Derridas Kopf hinweg. Als nähme sie die eigene Familiengeschichte in den Blick, meint sie: „Dieses fürchterliche Ganz-unten-Sein hat er mit einer ungeheuren Schönheit beschrieben“, und: „Er hat Bücher gestohlen, er war ganz verrückt nach Büchern.“

„Wie ein Austausch zwischen der Blume und mir“

Wie bei ihr öffnet sich bei Jean Genet mit der Blumenfülle eine Welt der – mitunter rohen – Intimität, und wie bei ihr fungieren bei Jacques Derrida die Namen der Blumen als Schaltstellen zwischen sinnlicher Erfahrung und Denkbewegung.

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