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Bei Friederike Mayröcker : Eine Gleichung von mathematischer Eleganz

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Permanente Begleitlektüre: Jacques Derrida
Permanente Begleitlektüre: Jacques Derrida : Bild: Picture-Alliance

„Die Postkarte“ sollte in den folgenden Jahren eine konstante Begleitlektüre bleiben, doch es scheint, dass sich das Derrida-Verlangen nach dem Tod von Ernst Jandl im Juni 2000 noch einmal verstärkte, ja, mehrfach potenzierte, da Friederike Mayröcker in Begleitung ihrer seitdem engsten Vertrauensperson, Edith Schreiber, im Wintersemester 2004/2005 die Vorlesung „Freud, Lacan, Derrida“ besuchte, die der Psychoanalytiker Michael Turnheim im Hörsaal B des Allgemeinen Krankenhauses von Wien hielt.

Spuren dieser Lektionen wie der neu entflammten Derrida-Liebe finden sich 2005 in „Und ich schüttelte einen Liebling“, dem großen Trauerarbeitsbuch um den verlorenen Lebensgefährten, und in einem im Mai 2004 entstandenen Text mit dem Titel „J. D.“ heißt es: „Wollte ihn sehen wollte mit ihm sprechen vor allem über seine Fußnoten Bekenntnisse die Zeile an Zeile (= Wange an Wange) mit den Fußnoten des Aurelius Augustinus standen in dem Buch ,Jacques Derrida. 1Porträt von Geoffrey Bennington und Jacques Derrida‘.“

„Glas“ kam einer Offenbarung gleich

Fußnoten, Bekenntnisse: Wie die Derrida-Lektüre ohne den Umweg über Ideenhorizonte oder die Spur philosophischer Überlegungen auf das Schreiben Friederike Mayröckers einwirkt, zeigt sich in „ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nicht geschriebenen Werk“, das tatsächlich zur Gänze aus Fußnoten besteht – „zum 5.x Derrida/Bennington ausgelesen“, liest man dort in der Fußnote 128, auf den Mai 2009 zu datieren, sowie, bereits in Fußnote 106: „und ich habe mir GLAS von Jacques Derrida gekauft“.

„Glas“, zu deutsch: Totenglocke, Totengeläut, 1974 erschienen, aber erst 2006 – vom Titel selbst abgesehen – ins Deutsche übersetzt, sollte das Buch von Derrida sein, das sie fortan, anders als „Die Postkarte“, niemals verlegen, aus den Augen verlieren, ein zweites und drittes Mal erwerben würde – weil sie ihr inzwischen über und über mit Anstreichungen versehenes Exemplar seit jenem Mai immer bei sich trägt. Ausgerechnet dieses Werk des Philosophen, das selbst von eingefleischten Derrida-Freunden als „enigmatisch“ bezeichnet wird, womit nichts anderes gemeint ist als: ungenießbar.

Friederike Mayröcker dagegen kam „Glas“ bei der Arbeit an ihren fünf großen seit 2010 erschienenen Büchern jedesmal von Neuem einer Offenbarung gleich. In „fleurs“ nun, dem Abschluss der Trilogie, wird die anhaltende Faszination selbst reflektiert, ausgehend vom Buchobjekt und der Textgestalt: „ich meine es nimmt mich wunder seit etwa 6 ½ Jahren lese ich in GLAS von Jacques Derrida. Das Buch ist zerlesen sein Leim oder Leib hat sich aufgelöst es ist empfindlich wie Glas: eine Lieblingsfarbe“, und: „Ich erlebe Wunder mit GLAS was mein Schreiben angeht: ich schlage das Buch z.B. auf Seite 142 auf und erblicke 3 Kolumnen geheimnisvoller Texte. Links die Anstrengung v. Hegel, mittig das Zitat eines Jean Genet Textes (,wie im Tagebuch eines Diebes, das man in allen Richtungen wird durchlaufen müssen, um dort alle Blumen abzuschneiden oder einzusammeln‘) und rechts, in Kursivdruck, nierenwärts, nochmals ein Zitat von Jean Genet.“

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