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Bei Friederike Mayröcker : Eine Gleichung von mathematischer Eleganz

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„Die waren reich“, antwortet Friederike Mayröcker, ohne Raum für Zweifel zu lassen, als ich sie nach ihren Großeltern mütterlicherseits frage, die in der Parallelstraße zwei Delikatessengeschäfte besaßen, weit zurück, bis Mitte der dreißiger Jahre. „Und wir“, ergänzt sie ebenso deutlich, „waren bettelarm.“ Sehr jung und finanziell von der Familie abhängig waren Franz Xaver und Friederike Mayröcker senior, als ihre Tochter Friederike in der großen, großelterlichen Wohnung im ersten Stock der Wiedner Hauptstraße 90–92 zur Welt kam. 1927 ergab sich die Möglichkeit, einen eigenen Haushalt zu gründen, fast möchte man sagen: in Rufweite, gleich um die Ecke in der Anzengrubergasse 17. Was als Übergangswohnung gedacht war, wurde für die Eltern zum lebenslangen, beengten Provisorium – der Vater starb 1978, die Mutter 1994.

Läuft man die Anzengrubergasse hinunter in Richtung ihrer heutigen Wohnung, sind es wiederum nur zwei Minuten bis in die Nikolsdorfer Gasse 8, in der Friederike Mayröcker im September 1930 bei den Englischen Fräulein eingeschult wurde. Nach einer Hirnhautentzündung im ersten Lebensjahr wollten die Eltern das zarte Kind vor den Ansteckungsgefahren schützen, die sie in einer öffentlichen Schule befürchteten. Die Privatschule mit einer Klassenstärke von zwölf Kindern, ganz in der Nähe gelegen, kam ihnen gerade recht.

Behütetes Kind aus prekären Verhältnissen

Ob zu Hause immer Hochdeutsch gesprochen wurde, frage ich, oder ob sie als Kind etwas vom wienerischen Gassendeutsch der Kinder auf der Straße aufgeschnappt habe. Nein, ihr Vater sei schließlich selbst Lehrer gewesen, auf ein gutes Hochdeutsch wurde großer Wert gelegt.

Friederike Mayröcker zählt wegen ihrer Lyrik zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum – viele ihrer Werke wurden in andere Sprachen übersetzt. Die Österreicherin arbeitete von 1946 bis 1969 als Englischlehrerin an Hauptschulen.
Friederike Mayröcker zählt wegen ihrer Lyrik zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum – viele ihrer Werke wurden in andere Sprachen übersetzt. Die Österreicherin arbeitete von 1946 bis 1969 als Englischlehrerin an Hauptschulen. : Bild: Godany, Jacqueline

Außerdem: „Meine Eltern haben mich nicht auf die Gasse gelassen.“

„Wolltest du denn auf die Gasse?“

Wie aus der Pistole geschossen: „Nein.“

Mit dem Alter kommt das Langzeitgedächtnis, sagt man. Vielleicht aber verhält es sich auch anders, vielleicht steckt man in der Jugend schmerzhafte Erinnerungen einfach leichter weg, während mit den Jahren die Abwehrkräfte nachlassen und die Bilder einen überfallen, so vehement, dass man im Bruchteil einer Sekunde wieder dasteht wie am Tag der allerersten Erinnerung. Als ABC-Schütze. Als in die Welt geworfenes Bündel.

Ein behütetes Kind aus prekären Verhältnissen, hochsensibel, unter Kindern aus der gehobenen Wiener Gesellschaft. Eines Tages, als sie wieder einmal in einem nicht eben schmucken Mantel in der Schule erschien, rief eine Mitschülerin: „Schaut, die Fritzi sieht heute wieder so verpumpeidelt aus!“

Die fürchterliche Macht der Sprache

Mir ist dieses Wort nicht geläufig, ich frage nach, es bedeutet soviel wie >nachlässig, verpfuscht, verschlampt, heruntergekommen<, und um mitschreiben zu können, lasse ich es mir von Friederike Mayröcker buchstabieren.

„V-E-R-P-U-M-P-E-I-D-E-L-T.“

Ob das ein geläufiger wienerdeutscher Ausdruck sei? Sie schüttelt den Kopf. Ob sie dieses Wort seitdem überhaupt jemals wieder gehört habe? „Nein.“

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