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Umberto Eco : Meister aller Klassen

  • -Aktualisiert am

Umberto Eco (1932 bis 2016) war der ideale öffentliche Intellektuelle. Die Aufnahme zeigt ihn anno 2000 auf dem Dach der Universität von Bologna. Bild: Getty

Wiedersehen mit einem großen Traditionsbewahrer: Umberto Ecos Mailänder Vorträge zeigen noch einmal die geistige Spannweite des italienischen Universalgelehrten – und seinen Witz.

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          Wie viel ärmer Italien, Europa, ja die Welt ohne Umberto Eco ist, spürt man in diesen Tagen, wenn einem zum unaufhaltsamen Aufstieg des Matteo Salvini kaum etwas anderes mehr einfallen will als hilfloses Zähneknirschen. Der 2016 verstorbene Eco hätte wunderbare Formulierungen zur Politik des Lega-Chefs gefunden, Kommentare in jener subtilen Mischung von polemischer Schärfe, analytischer Präzision und sprudelndem Witz, die seine unermüdlichen Attacken auf Silvio Berlusconi auszeichnete.

          Wer gegen den Vormarsch der Populisten das Leitbild einer qualifizierten, durch fundierte Information und besonnene Argumentation gebildeten Öffentlichkeit hochhielt, hatte in Eco einen starken Rückhalt. Denn er war gleichsam die Verkörperung dieses Öffentlichkeitsideals, ein Philosoph, Romancier und Kolumnist, der verschiedenste Bühnen der Publizität – vom Hörsaal bis hin zur Fernsehshow – gleichermaßen souverän zu bespielen wusste.

          So ist auch der nun erschienene Nachlassband „Auf den Schultern von Riesen“ ein Dokument von Ecos öffentlicher Wirksamkeit. Er versammelt zwölf Vorträge, die Eco in den Jahren 2001 bis 2015 zur Eröffnung des Mailänder Kulturfestivals „La Milanesiana“ hielt. Sie zeigen einmal mehr die geistige Spannweite dieses Universalgelehrten, der schlicht auch ein ausgebuffter Unterhaltungskünstler war. Eco musste nicht aktuell sein, um ein großes Publikum zu fesseln. Nach Ausweis des Personenregisters ist der in diesem Buch am häufigsten erwähnte Autor Thomas von Aquin, gefolgt von Augustinus und Dante. Berlusconi taucht nur zweimal am Rande auf.

          Formen des Nicht-direkt-die-Wahrheit-Sagens

          Aber natürlich ahnt man, dass es auch um den „Cavaliere“ gehen wird, wenn ein Vortrag den Titel „Falsches sagen, lügen, fälschen“ trägt. Der Name Berlusconi fällt dann zwar nirgendwo, Eco handelt ausschließlich von Klassikern des Barockzeitalters. In deren Beschreibungen einer Lügenrhetorik, „die die Sitten versengt und das Gemeinwesen in Brand setzt“, sind die Brandstifter von heute aber unschwer greifbar. In ähnlicher Weise hat jüngst Stephen Greenblatt in „Tyrant: Shakespeare on Politics“ (2018) die skrupellose Politik des amerikanischen Präsidenten durch eine einlässliche Lektüre von Shakespeares Königsdramen ins rechte Licht gerückt – ohne den Namen Trump auch nur ein einziges Mal zu nennen.

          Solche unausdrücklichen Spiegelungen sind bei Eco indessen nur ein Nebeneffekt. Tatsächlich verlangt er seinem Publikum in dem erwähnten Vortrag ein gehöriges Maß an begrifflicher Differenzierungsarbeit ab. Schon der Titel gibt ja vor, dass Falsches sagen, lügen und (ver)fälschen nicht dasselbe sind, und es bleibt bei weitem nicht bei diesen Abgrenzungen. Was unterscheidet, fragt der Semiotiker weiter, die „Verhehlung“ (im italienischen Original „dissimulazione“) von der „Verstellung“ („simulazione“), wo ereignet sich der Übergang vom Verhehlen zur „extremen Diskretion“? Welchen Status hat in diesem Kontext die „Unaufrichtigkeit“ (Sartres „mauvaise foi“)? Wie verbirgt Ironie das eigentlich Gemeinte? Warum ist die literarische Fiktion keine Lüge?

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