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Umberto Eco : Meister aller Klassen

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Dass dieser Durchgang durch alle möglichen Formen des Nicht-direkt-die-Wahrheit-Sagens ausgesprochen kurzweilig gerät, liegt an Ecos Pointierungsgabe und seiner originellen Auswahl von Zitaten aus zwei Jahrtausenden europäischer Kulturgeschichte. Wer kennt schon den italienischen Barockautor Torquato Accetto und sein feines Lob der „ehrenwerten Verhehlung“ („dissimulazione onesta“), die nichts vortäuschen will, sondern eben nur nicht zeigt, was man ist: „denn das Verhehlen ist nichts anderes als ein Schleier aus ehrenwerter Finsternis und gewaltsamer Rücksicht, hinter dem nicht das Falsche entsteht, sondern der dem Wahren ein wenig Ruhe gönnt“.

Unangenehme Fragen müssen gestellt werden dürfen

Den folgenden Vortrag „Über einige Formen der Unvollkommenheit in der Kunst“ eröffnet Eco mit Thomas von Aquins Gedanken zur Auferstehung des Fleisches. In welchem Zustand werden sich, wenn die Toten den Gräbern entsteigen, ihre Gedärme befinden, die ja, so paraphrasiert Eco, „ebenfalls Glieder des menschlichen Körpers sind, aber gewiss nicht voller Unreinem auferstehen könnten und ebenso wenig leer, da die Natur das Leere scheue“?

Sie werden, dekretiert der heilige Thomas, „nicht voller scheußlichem Unrat, sondern voll edler Körpersäfte sein“. Und da Jesus laut Lukas-Evangelium versprochen hat: „Kein Haar von eurem Haupte soll verloren gehen“, werden für den Aquinaten auch Haare, Finger- und Fußnägel ins ewige Leben hinübergerettet. Nicht aber die Geschlechtsteile! Ecos Kommentar: „So als könnte man sich im Himmel zwar die Haare frisieren lassen, aber nicht lieben.“

Mit solchen Pointen wartet das Buch beständig auf, setzt dabei aber nie allein auf den komischen Effekt, sondern macht ihn zum Ausgangspunkt anspruchsvoller philosophischer Reflexion. Wenn man ein Grundthema der zwölf Essays benennen sollte, wäre das Unvollkommene ein guter Kandidat. Es begegnet in den anderen Texten als das Hässliche im Gegensatz zum Schönen, das Relative in Opposition zum Absoluten, das Profane als Widerpart des Heiligen.

Ohne den Begriff zu verwenden, erzählt Eco, verstreut über die einzelnen Vorträge, eine kleine Geschichte der ästhetischen Theodizee. Er zeigt, wie schon die frühen Vordenker des Christentums das Unschöne „entübelt“ (O. Marquard) haben, indem sie es zunächst zur unverzichtbaren Kontrastfolie und dann zum notwendigen Ingrediens des Schönen erklärten.

Wie immer erläutert Eco den Gedankengang an prägnanten Zitaten aus dem Fundus der mittelalterlichen Philosophie. „Was in einem Teil des Ganzen“, heißt es bei Johannes Scotus Eriugena, „für sich genommen als missgestaltet erscheint, wird aufs Ganze gesehen nicht nur schön, weil es wohlgeordnet ist, sondern ist auch Ursache der Schönheit des Ganzen.“ In der Moderne kommt es schließlich unter dem Leitbegriff des „Erhabenen“ zur völligen Positivierung des Unschönen, Unvollkommenen in all seinen Facetten: als Interessantes, Frappantes, Fragmentarisches, Dionysisches, Groteskes und so weiter.

Eco legt hier den Akzent auf ein eher unscheinbares Phänomen. Er skizziert eine Poetik des „Füllsels“ (ital.: „zeppa“) und führt in einem köstlichen Streifzug durch die Literaturgeschichte vor, wie auch die gelungensten Werke von belanglosen Partien leben, ohne die wir die poetischen Verzückungsspitzen wohl gar nicht ertragen könnten. Der große Traditionsbewahrer Eco hat hier keine Hemmungen, sich lausbübisch auch einmal am Übervater der ganzen Kultur seines Landes zu vergreifen: „Ich würde es wagen zu sagen (...), dass ein Vers wie ,Nel mezzo del cammin di nostra vita‘ die leiernde Würde eines Füllsels hat. Wenn nicht ,Die Göttliche Komödie‘ danach käme, hätten wir ihm nicht viel Bedeutung beigemessen.“

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