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Büchnerpreis für Lukas Bärfuss : Liebe Kinder, gebt fein acht

  • -Aktualisiert am

Den Georg-Büchner-Preis in den Händen: Lukas Bärfuss am Samstag in Darmstadt Bild: dpa

Lukas Bärfuss bedankt sich für den Büchnerpreis mit einer empörten Rede im Modus der sozialen Medien. Ihre Botschaft ist humanistischer als Büchners Werk.

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          Mit den Worten „Liebe Kinder“ hat wohl noch keine Büchnerpreisrede begonnen. Aber Lukas Bärfuss begrüßte in seiner am Samstag im Staatstheater Darmstadt sogar „vor allem“ die Kinder. Das ist angesichts der Altersstruktur der dort versammelten Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ziemlich witzig, und es sorgte dafür, dass Bärfuss’ theatralisch intonierte Rede sogleich unter Ironieverdacht stand. Als selbstironisch konnte man tatsächlich ihren ersten Teil auffassen, der den Bescheidenheitstopos des Dankredners umspielt und dann über das Eingeständnis, dass keines seiner Werke den eigenen Ansprüchen des Autors genüge, in die Frage mündet, welcher Preis denn noch für ihn übrig bleibe, wenn dies einmal wirklich gelänge.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber der folgende Teil der Rede war dann schon weniger ironisch, vielmehr hart und selbstkritisch – so wie mitunter auch die Literatur des Preisträgers. „Ich habe in den letzten Jahren eine Existenz mit, durch und auf dem Leid errichtet, auf Mord und Totschlag, Folter und Vergewaltigung. Meine besten Jahre verbrachte ich mit dem Studium der Gewalt“, sagte Bärfuss unter Verweis auf Werke wie seinen Ruanda-Roman „Hundert Tage“ oder sein Drama „Dora“ und fragte, jetzt ernsthaft, wie er das eigentlich seinen Kindern erklären solle. Die Antwort lag im dritten und längsten Teil der äußerst heterogenen Rede: nämlich im pathetischen.

          Dieser schnurrt zusammen auf den memorablen Satz: „Wer den letzten Krieg vergisst, bereitet den nächsten schon vor.“ Er steht fast am Ende und folgt auf einen Parforceritt durch die Gewaltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, der von Auschwitz nach Sarajevo und bis in unsere Gegenwart führt. Sein Fazit: „Die Nazis und ihr Gedankengut sind überhaupt nie weggewesen, und jeder Demokrat, der darüber staunt, sollte sich vielleicht fragen, warum er es vergessen hat.“

          Nicht Sarkasmus, sondern humanistisches Pathos

          Die Moral dieses Hauptteils der Rede hatte mitunter die Wucht – man könnte auch sagen: die Schlichtheit – der sozialen Medien. Das ist, wenn man an den Büchner des „Hessischen Landboten“ denkt, ein soziales Medium des neunzehnten Jahrhunderts, nicht verkehrt. Bärfuss selbst bezog sich auf „Dantons Tod“ und die darin enthaltene Frage, was „in uns lügt, stiehlt und mordet“.

          Er kam zu der angesichts Büchners Werks überraschenden Antwort, dass das Schlechte nicht in, sondern nur zwischen den Menschen liege. Und er sagte auch noch, er fühle sich „jenen wie Georg Büchner verbunden, denen Zynismus und Resignation nur andere Worte für Feigheit sind“ und die trotz allem an das Gute im Menschen glaubten. Das ist eine – wenn auch schöne – Verkürzung, die mit Büchner dann doch nicht so leicht zu machen ist. Wer wäre zynischer als Prinz Leonce vom Königreiche Popo, der das Weinen für „feinen Epikuräismus“ hält und vorschlägt, Halsbänder aus kristallisierten Tränen zu machen? Und es erstaunt auch, dass der sonst ja mit allen Wassern gewaschene Bärfuss bei Büchner nicht dessen Ironie und Sarkasmus, sondern humanistisches Pathos sehen möchte.

          Von Ermutigung und Hoffnung

          Der Preisträger machte freilich sehr deutlich, dass ihm sein moralischer Appell in dieser Situation über allem stand, und darin traf er sich mit dem Akademie-Präsidenten Ernst Osterkamp, der zuvor eindringlich an deren „aus der Erfahrung der erlebten Barbarei formulierten Gründungsauftrag“ erinnert hatte und sagte, diese sei „alles andere als eine Spielwiese des absoluten Geistes“. Für Spielerisches war dann immerhin noch Platz in den weiteren Laudationes und Dankesreden des Tages, etwa der von Daniela Strigl für den Johann-Heinrich-Merck Preis für literarische Kritik und Essay. Lothar Müller bescheinigte Strigl einen „korrodierenden Witz“ und eine „Kohlhaas-Natur“ ebenso wie die Fähigkeit zur „rettenden Kritik“: eine schöne Mischung. Die Laudatio der Dramaturgin Judith Gerstenberg auf Lukas Bärfuss geriet selbst etwas pathetisch und sparte leider dessen Romane aus.

          Es ehrt Bärfuss, der übrigens auch schon seinen Essayband „Krieg und Liebe“ den Kindern gewidmet hat, dass er ganz am Schluss seiner dann lange beklatschten Rede in aufrichtig-kindlicher Weise sogar von Ermutigung und Hoffnung sprach. Das ist allemal schöner als der Wind, „kalt wie das Weltall“, der einmal durch seinen Roman „Hagard“ weht, und schöner als das furchtbare Märchen Büchners aus dem „Woyzeck“, in dem das Kind entdeckt, dass der Mond nur ein faules Stück Holz, die Sonne eine welke Blume und die Erde, auf der es lebt, ein umgestürzter „Hafen“, also Nachttopf ist.

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