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Ludwig Harig zum Fünfundachtzigsten : Ein Sprachspiel-Unternehmen von erstaunlichem Ausmaß

Erst kommt das Experiment, dann folgt der Realismus: Weshalb das Zwei-Phasen-Modell im Werk des saarländischen Dichters Ludwig Harig, der an diesem Mittwoch fünfundachtzig Jahre alt wird, zugleich wahr und falsch ist.

          Ludwig Harig ist nach eigenem Bekunden ein „lummer Mensch“ und als solcher der Verfechter einer humanen „Lummerkeit“. Aber was ist das? Man wird Adjektiv wie Substantiv weder im Duden noch im Wahrig finden, ja noch nicht einmal in einem Lexikon des Saarlands oder der saarländischen Mundart. Harig spricht zwar gern Dialekt, er ist Saarländer durch und durch, aber das „lummernde Wesen“ ist sein Geschöpf, abgeleitet vielleicht aus dem einst im Alemannischen gebräuchlichen „lummrig“, was so viel wie „schlaff“ bedeutet.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          In seinem Essay „Vom vollkommenen Menschen“ aus dem Jahr 1974 hat Harig mit kaum zu bändigender Sprachlust die „Lummerkeit“ in immer neuen Anläufen umschrieben, aber mit Bedacht nicht ein einziges Mal definiert. Aus den Umschreibungen, vor allem jedoch aus den Abgrenzungen, die er dem Lummeren zuteilwerden lässt - es ist nicht hart, nicht zäh, nicht spröde und erst recht nicht schlaff -, kann man schließen, dass es von allem eben das Gegenteil sein muss, also etwas eher Lockeres, Weiches, Geschmeidiges, Flexibles. In äußerster Prägnanz führt das Ungefähre des Wortes jedenfalls zu einer ganz und gar apodiktischen Harig-Formel: „Der Saarländer ist lummer“, lautet sie.

          Ein Spieler

          Im Lauf des nun gut ein halbes Jahrhundert währenden öffentlichen Schreiblebens wurde Ludwig Harig immer mal wieder der provinziellen Genügsamkeit geziehen. Nicht zuletzt mit der Prosasammlung „Die saarländische Freude“ von 1977 und dem zwei Jahre danach veröffentlichten Band „Heimweh. Ein Saarländer auf Reisen“ hat er solchen Einwänden selbst reichlich Nahrung gegeben. Dabei ist er keineswegs ein Heimatliterat. Im Saarland trägt er zwar seine Heimspiele aus, aber es ist im Grunde nicht mehr als eine von vielen Spielwiesen seiner die ganze Welt umspannenden Phantasie. Der Ort, an dem sich diese Phantasie in Bewegung setzt, ist der Schreibtisch. Und dass der, von unbedeutenden Unterbrechungen abgesehen, eben immer im saarländischen Geburtsort Sulzbach stand, ist letztlich nur ein biographischer Zufall. Stünde er auf den Antillen, Harig wäre keinen Deut weniger lummer, was immer das dort auch hieße.

          In erster Linie ist Ludwig Harig jedenfalls ein Spieler. Kein Zocker, versteht sich, dazu fehlt ihm das Verwegene, daran hindert ihn die bürgerliche Solidität. Aber eben von Kindesbeinen an ein Spieler vor dem Herrn - bis heute wird er nicht müde, den offenbar angeborenen Trieb in all seinen Facetten zu schildern und ihn als das Wesentliche seiner Existenz zu begreifen. „Kinderspiel, Gesellschaftsspiel, Sprachspiel: Von Anfang an lief mein Leben aufs Spiel hinaus“, notiert er in der bisher unveröffentlichten Skizze „Meine Siebensachen“, die Ende des Monats im gleichnamigen Band der Werkausgabe erscheinen wird. Auf stolze neun Bände wird es diese von Werner Jung, Benno Rech und Gerhard Sauder seit 2004 betreute Edition dann gebracht haben, ein Ende ist nicht in Sicht. Woraus man entnehmen kann, dass Harig über die Jahrzehnte hinweg ein Wort- und Sprachspiel-Unternehmen von stupendem Ausmaß aufgebaut und ohne jede nennenswerte Schreibkrise auch kontinuierlich erweitert hat.

          Aus der Tiefe des Raums

          Auf den ersten Blick bietet es sich an, sein Werk in zwei Phasen zu gliedern. Vom Anfang der sechziger bis zur Mitte der achtziger Jahre dominiert dann eine sprachexperimentelle Grundrichtung, die sich Harig ab 1955 bei seinem Stuttgarter Lehrer, dem existentiellen Rationalisten Max Bense, aneignete. Sie führte ihn literarisch zunächst zur Konkreten Poesie und fand ihren Höhepunkt sowohl in den Hörspielen der sechziger Jahre als auch im Prosatext „Rousseau - Der Roman vom Ursprung der Natur im Gehirn von Ludwig Harig“ von 1978. Legt man das Zwei-Phasen-Modell zugrunde, folgt der allmähliche Übergang in ein traditionelleres Schreiben und - vor allem - Erzählen mit dem programmatischen Essay „Mein realistisches Geschäft“ (1976), ebender „Saarländischen Freude“ sowie der Novelle „Der kleine Brixius“ (1980). Mit den drei autobiographischen Romanen „Ordnung ist das ganze Leben“ (1984), „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ (1990) und „Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf“ (1996) findet Harig schließlich ganz zu seiner wahren Begabung und gewinnt nun endlich auch ein großes Publikum.

          Das Modell ist wahr und falsch zugleich. Wahr, weil es die fundamentale Bewegung des Schreibens und der Texte adäquat abzubilden vermag. Falsch, weil das grundständig Spielerische in Harigs gesamtem Werk dabei eher an den Rand rückt. Es ist aber das Zentrum. Und weil es das ist, musste Harig schreibend auch zwangsläufig beim Fußball landen. „Was für ein Glück, die Feder mit dem Leder und das Leder mit der Feder zu vertauschen“, ruft er zu Beginn des 1974 von ihm und Dieter Kühn herausgegebenen Bandes „Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“ begeistert aus. Das Buch hat Epoche gemacht - und 2006 in Harigs sechzig meisterlichen Sonetten unter dem Titel „Die Wahrheit ist auf dem Platz“ eine Erweiterung, gar eine Vollendung gefunden.

          Hinter den Wörtern

          Aber die Wörterspiele des Ludwig Harig enden keineswegs, wenn er in den drei autobiographischen Großbüchern zunächst die Geschichte seines Vaters im Ersten und Zweiten Weltkrieg erzählt, wenn er dann die eigene juvenile Verstiegenheit in die Hitlerjugend und den Nationalsozialismus zur Sprache bringt - um das dreibändige Epos über das deutsche Kleinbürgertum im zwanzigsten Jahrhundert schließlich mit einem Panorama des bundesrepublikanischen Aufstiegs abzuschließen und abzurunden. Und was ist das Spielerische am realistischen Erzähler Ludwig Harig? Es ist zuallererst seine bisweilen tastende, sich selbst nicht selten auch widersprechende, gerade deshalb so präzise Schreibhaltung, kurzum: sein Stil.

          Im Band „Meine Siebensachen“ lernt man den bisher so geselligen Autor auch als alten Mann kennen, der die Einsamkeit entdeckt. Er, dieser emphatische Erinnerer, schreibt nun ein „Lob des Vergessens“ und notiert: „Seit einiger Zeit lebe ich zurückgezogen zwischen meinen vier Wänden . . . Mehr und mehr verkrieche ich mich hinter meinen Wörtern.“ An diesem Mittwoch wird Ludwig Harig fünfundachtzig Jahre alt. Man soll das in aller Lummerkeit feiern.

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