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Ludwig Harig zum Fünfundachtzigsten : Ein Sprachspiel-Unternehmen von erstaunlichem Ausmaß

Aus der Tiefe des Raums

Auf den ersten Blick bietet es sich an, sein Werk in zwei Phasen zu gliedern. Vom Anfang der sechziger bis zur Mitte der achtziger Jahre dominiert dann eine sprachexperimentelle Grundrichtung, die sich Harig ab 1955 bei seinem Stuttgarter Lehrer, dem existentiellen Rationalisten Max Bense, aneignete. Sie führte ihn literarisch zunächst zur Konkreten Poesie und fand ihren Höhepunkt sowohl in den Hörspielen der sechziger Jahre als auch im Prosatext „Rousseau - Der Roman vom Ursprung der Natur im Gehirn von Ludwig Harig“ von 1978. Legt man das Zwei-Phasen-Modell zugrunde, folgt der allmähliche Übergang in ein traditionelleres Schreiben und - vor allem - Erzählen mit dem programmatischen Essay „Mein realistisches Geschäft“ (1976), ebender „Saarländischen Freude“ sowie der Novelle „Der kleine Brixius“ (1980). Mit den drei autobiographischen Romanen „Ordnung ist das ganze Leben“ (1984), „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ (1990) und „Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf“ (1996) findet Harig schließlich ganz zu seiner wahren Begabung und gewinnt nun endlich auch ein großes Publikum.

Das Modell ist wahr und falsch zugleich. Wahr, weil es die fundamentale Bewegung des Schreibens und der Texte adäquat abzubilden vermag. Falsch, weil das grundständig Spielerische in Harigs gesamtem Werk dabei eher an den Rand rückt. Es ist aber das Zentrum. Und weil es das ist, musste Harig schreibend auch zwangsläufig beim Fußball landen. „Was für ein Glück, die Feder mit dem Leder und das Leder mit der Feder zu vertauschen“, ruft er zu Beginn des 1974 von ihm und Dieter Kühn herausgegebenen Bandes „Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“ begeistert aus. Das Buch hat Epoche gemacht - und 2006 in Harigs sechzig meisterlichen Sonetten unter dem Titel „Die Wahrheit ist auf dem Platz“ eine Erweiterung, gar eine Vollendung gefunden.

Hinter den Wörtern

Aber die Wörterspiele des Ludwig Harig enden keineswegs, wenn er in den drei autobiographischen Großbüchern zunächst die Geschichte seines Vaters im Ersten und Zweiten Weltkrieg erzählt, wenn er dann die eigene juvenile Verstiegenheit in die Hitlerjugend und den Nationalsozialismus zur Sprache bringt - um das dreibändige Epos über das deutsche Kleinbürgertum im zwanzigsten Jahrhundert schließlich mit einem Panorama des bundesrepublikanischen Aufstiegs abzuschließen und abzurunden. Und was ist das Spielerische am realistischen Erzähler Ludwig Harig? Es ist zuallererst seine bisweilen tastende, sich selbst nicht selten auch widersprechende, gerade deshalb so präzise Schreibhaltung, kurzum: sein Stil.

Im Band „Meine Siebensachen“ lernt man den bisher so geselligen Autor auch als alten Mann kennen, der die Einsamkeit entdeckt. Er, dieser emphatische Erinnerer, schreibt nun ein „Lob des Vergessens“ und notiert: „Seit einiger Zeit lebe ich zurückgezogen zwischen meinen vier Wänden . . . Mehr und mehr verkrieche ich mich hinter meinen Wörtern.“ An diesem Mittwoch wird Ludwig Harig fünfundachtzig Jahre alt. Man soll das in aller Lummerkeit feiern.

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