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Louis Begley : Über Sex schreiben

  • -Aktualisiert am

Louis Begley, der am Samstag, den 6. Oktober, seinen 85. Geburtstag feiert. Bild: Annabel Clark/Redux/laif

Interviewer haben mich oft gefragt, warum in meinen Romanen so viel Sex vorkommt. Hätten manche Szenen weniger explizit sein können? Ja – wenn ein anderer sie geschrieben hätte. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Eine Schwefelwolke aus Missbilligung hängt über Sexszenen in Romanen und ihren Verfassern. Müssten sie sich nicht schuldig fühlen und bedauern, was sie getan haben? Warum? Seit Jahrhunderten heißt es, Sex gehöre ins Schlafzimmer, wenn überhaupt davon die Rede ist, und selbst legitime eheliche Liebesakte haben etwas vage Schamloses an sich. Anders als Golf, Geld, Profit oder Bergsteigen ist Sex ein verwerfliches Thema. Noch vor nicht allzu langer Zeit wurden Meisterwerke, die heute Klassiker sind, als obszön verbannt, ihre Autoren vor Gericht gestellt, die Bücher vom Vatikan auf den Index verbotener Texte gesetzt. Ich kann nicht sagen, ob dieser Index immer noch weitergeführt wird. In ihrem „Paris Review“-Interview sagt Toni Morrison: „über Sex zu schreiben ist schwierig, weil es einfach nicht sexy ist. Nicht viel darüber zu schreiben ist der einzige Ausweg.“

          Aber Schriftsteller mit Selbstachtung schreiben nicht über Sex, weil es „sexy“ ist, und sie würzen ihre Texte nicht mit einer Prise Sex, wie ein Koch ein Fischgericht mit einem Hauch Kreuzkümmel, einer Messerspitze Currypulver und ein, zwei Tropfen Tabasco perfektioniert. Sex als Würze verwenden Schmierfinken oder Pornographen. Toni Morrison sagte in ihrem Interview auch: „Lassen wir den Leser seine eigene Sexualität in den Text einbringen.“ Dagegen habe ich nichts. Hätte sie von der Sensibilität und den Erfahrungen des Lesers gesprochen, statt ausschließlich von seiner „Sexualität“, dann hätte sie auf den Punkt gebracht, was für einen Romanschreiber das Wichtigste ist, ganz gleich, ob sein Roman vom Leben eines Callgirls in Abu Dhabi handelt oder das idyllische Dasein einer Pfarrersfamilie in einer friedvollen englischen Pfarrei schildert.

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