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Swetlana Alexijewitsch : Die Russen ertragen keine Freiheit

Wäre als Kleinkind fast verhungert: Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch Bild: dpa

Sie bewundert die Energie der Ukrainer und die Weisheit Angela Merkels, ist aber auch froh, dass die Weißrussen von ihren Oligarchen nicht so schamlos ausgeplündert werden. Ein Gespräch mit der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch.

          6 Min.

          Swetlana Alexijewitsch lebt in einer engen Wohnung im achten Stockwerk eines riesigen Apartmenthauses im Zentrum der weißrussischen Hauptstadt. Aus dem Fenster hat man einen schönen Blick auf den zum See aufgestauten Swislatsch-Fluss. Es fällt Schneeregen. Die Autorin trägt einen dunkelbraunen Strickanzug und hat sich eine rustikal gemusterte grüne Wolljacke übergeworfen. Sie sagt, sie sei erkältet, bietet der Besucherin Hausschuhe an und bewirtet sie in der Küche mit Kaffee und Gebäck.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie lebt es sich als Literaturnobelpreisträgerin, Swetlana Alexandrowna?

          In Russland gelte ich jetzt als fünfte Kolonne. Die „Literaturnaja gaseta“ (Literaturzeitung) nennt mich „Bandera-Anhängerin“, weil ich den ukrainischen Reformkurs unterstütze. Unser Präsident Alexander Lukaschenka gratulierte mir, allerdings vor der Präsidentenwahl. Nachdem er wiedergewählt worden war, erklärte er, ich bewürfe das Land mit Schmutz. Aus Russland kam nur ein Glückwunschschreiben vom Duma-Vorsitzenden Sergej Naryschkin. Von Putin nichts. Zum Nobelpreis hat Russland ein ungesundes Verhältnis, das war schon bei Iwan Bunin so und bei Joseph Brodsky.

          Aber auch die russische Journalistin Julia Latynina, eine furiose Putin-Kritikerin, fand, die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees für Sie zeuge von einem dezidiert „europäischen“ Geschmack. Und zwar weil in Ihren Büchern Kriegs- und technische Katastrophenerfahrungen stets aus der Perspektive des ganz kleinen Menschen geschildert werden. Nie kommt die Logik, die Folgerichtigkeit der Gewaltereignisse in den Blick. Diese Logik zu verstehen oder bloß nach ihr zu fragen sei, behauptet Latynina, für heutige Europäer geradezu unmoralisch.

          Die russische Literatur hat immer dem kleinen Menschen eine Stimme verliehen. Wir sind alle aus Gogols „Mantel“ hervorgekommen. Russland ist einfach zu groß, daher bringt es regelmäßig Super-Ideen hervor, die den Menschen zum Objekt machen, ihn sich unterwerfen, Individuen zum kollektiven Körper verbacken. Ich nehme diesen kollektiven Körper auseinander und untersuche seine Einzelteile.

          Nobelpreis : Alexijewitsch attackiert Lukaschenko

          Als ich im Minsker Stadtzentrum spazieren ging, kam ich mit zwei Frauen ins Gespräch, die fanden, Ihre Bücher seien zu „schwarzmalerisch“, Literatur müsse vor allem Licht ins Leben bringen.

          (Lacht) Viele sind der Meinung, Literatur solle schmücken. Wenn Literatur Wunden aufzeigt, liegt darin auch ein Appell, zu handeln, etwas zu ändern. Das ist unbequem. Ich habe einmal gegenüber einer Zeitung gesagt, wir brauchten Reformen. Da sagte Lukaschenka einer anderen Zeitung, Reformen seien völlig überflüssig.

          Die beiden Bürgerinnen, Medizinerinnen, also nicht völlig ungebildet, gaben sich ausgesprochen regimetreu und stolz, dass man in Minsk als Frau nachts ohne Bedenken allein herumlaufen könne.

          Wirklich, die Demokratie hat hier - wie auch in Russland - keine Mehrheit. Man muss aber einräumen, dass Lukaschenka den Vertrag mit dem Volk einigermaßen einhält. Er unterstützt die Kolchosen, die staatlichen Agrarbetriebe, obwohl ihm das nicht leichtfällt. Es gibt bei uns Korruption und Vetternwirtschaft. Das Volk wird in Weißrussland jedoch nicht so unverschämt ausgeplündert wie in Russland, aber auch in der Ukraine, wo die Felder verwildern und die Landwirtschaft am Boden liegt.

          In Russland sind Wurstwaren, Milchprodukte, Biersorten aus Belorussland Kult!

          Tatsächlich sind unsere Lebensmittel - im Gegensatz zu den russischen mit ihren Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern - ausgezeichnet und naturbelassen, das wird vom Staat kontrolliert. Der Präsident hilft mit seinem Sohn Kolja, zu dem er ein freundschaftliches Verhältnis hat, demonstrativ beim Ernten der „Bulba“, wie die Kartoffel auf Weißrussisch heißt.

          Russen nennen Weißrussland manchmal liebevoll scherzhaft „Bulbonien“.

          Die Weißrussen sind ein Bauernvolk, sie verlieren nie die Verbindung mit den Zyklen der Natur. Sie sind nicht aggressiv wie die Moskauer. Wenn in einer Menge einer wütend wird, beschwichtigen die anderen ihn. Dafür sind sie auch eher initiativlos, im Unterschied zu den freiheitsliebenden Ukrainern. Ich glaube an die Ukrainer, sie sind energisch, lassen sich nicht erniedrigen. Ich habe die brennenden Augen der jungen Leute dort gesehen. Bei uns sagt man typischerweise: Ertragen wir unseren Präsidenten lieber, er ist ja nicht mehr jung, Hauptsache, wir kriegen keinen Majdan!

          Aber Ihre Bücher kann man heute in Weißrussland kaufen?

          Ja, es gibt eine schöne fünfbändige Ausgabe, die der Moskauer Verlag Wremja herausgebracht hat. Leider gibt es Übersetzungen ins Weißrussische nur im Samisdat. Und meine Bücher werden weiterhin nicht in der Schule durchgenommen wie vor der Zeit von Lukaschenka.

          Sie haben ukrainische und weißrussische Wurzeln, schreiben aber auf Russisch.

          Ich habe drei Elternhäuser: die westukrainische Stadt Iwanowo-Frankiwsk, woher meine Mutter stammt und wo ich geboren wurde; das weißrussische Dorf, wo ich aufwuchs; und die russische Kultur, die mich erzog und deren Teil ich wurde. Nach Iwano-Frankiwsk kam mein Vater, ein Kommunist, als Besatzer im Dienst der dort verhassten Sowjetunion. In den vierziger Jahren wurde dort an Russen prinzipiell nichts verkauft. Als Kleinkind wäre ich deswegen fast verhungert. Da ging mein Vater zu einem Kloster und redete mit der Äbtissin. „Ich bin euer Feind“, sagte er, „aber ich habe ein kleines Kind, das vor Hunger stirbt.“ Die Äbtissin antwortete: „Mach, dass du wegkommst, lass dich nie mehr blicken. Aber schick deine Frau.“ Meiner Mutter gaben die Nonnen jeden Tag Ziegenmilch. Das hat mich gerettet.

          In die Ihrem Haus nahegelegene orthodoxe Kirche kamen heute viele Passanten, um zu beten oder Kerzen aufzustellen.

          Ja, die Leute gehen in die Kirche, aber die Kirche ist hier völlig frei von der Moskauer Hysterie und Aggressivität. Auch den russischen Antiamerikanismus gibt es bei uns nicht, ebenso wenig wie die russische Feindschaft gegenüber der Europäischen Union. Lukaschenka hat auch nicht diese entsetzlichen Anti-Homosexuellen-Gesetze erlassen wie Putin ...

          Dabei sitzen in der russischen Duma und Regierung viele Homosexuelle ...

          ... und erst im Moskauer Patriarchat! Ich kann nicht sagen, dass die meisten Weißrussen über öffentliche Bekenntnisse zur Homosexualität begeistert wären, aber sie halten das für eine Privatangelegenheit.

          Heute könnte man meinen, die Russische Orthodoxe Kirche habe sich die Redensart von Revolutionsführer Lenin zu eigen gemacht: „Je schlimmer, desto besser.“

          In der Tat scheint Erzpriester Wsewolod Tschaplin, der im Moskauer Patriarchat für die Beziehungen zur Öffentlichkeit zuständig ist, über die russische Wirtschaftsmisere glücklich zu sein. Schön, dass die fetten Jahre vorbei seien, sagte er, den Russen tue das gut. Für Leute wie Tschaplin ist Leiden die Hauptaufgabe der Menschen, ihre eigentliche Arbeit. Aber auch Alexander Solschenizyn glaubte, Leiden werde belohnt und führe in die Freiheit. Das unterscheidet mich von ihm.

          Wie krisenfest ist die Ehe von Russland und Weißrussland?

          Weißrussland ist von Russland abhängig, von seinen Krediten, die leider nicht investiert, sondern nur zyklisch „aufgefressen“ werden. Seit der russischen Okkupation der Ostukraine und der Krim kommen vor allem unter jüngeren ethnischen Weißrussen aber auch die weißrussische Sprache und weißrussische nationale Kleidung immer stärker in Mode - die Leute fühlen sich vom Nachbarland inzwischen auch bedroht und distanzieren sich so von ihm.

          Neben Ihrem Wohnhaus findet sich ein Salon von Bentley-Luxuslimousinen. Ist das der Kontrapunkt zur Krise?

          Offenbar, der existiert erst seit einem Jahr, er wurde eröffnet, als die Wirtschaft einbrach. Heute sitzen in weißrussischen Gefängnissen viele Unternehmer, deren Firmen die Begehrlichkeit der Staatsführung weckten. Ein prominenter Fall war die Schokoladenfabrik „Kommunarka“, die Lukaschenka an sich riss, unter dem Vorwand, sie drohe einem Ausländer in die Hände zu fallen.

          Sehen Sie in der Ukraine heute auch das bessere, weil nicht imperiale Russland?

          Ja, die Russen bekamen die Freiheit und wollten zurück in die Sklaverei. Sie lieben Putin, weil ihr Land jetzt angeblich respektiert und gefürchtet wird. Leider hatte die russische Elite, im Gegensatz etwa zur polnischen, keinen Plan für einen Neubeginn nach dem Kommunismus. Die russische Freiheit war bloß Geschwätz, die russische Elite konnte nur klauen.

          Westliche Politiker und Berater haben vielleicht auch keine immer sehr rühmliche Rolle gespielt?

          Der Westen wollte seine Sicherheitsprobleme regeln. Russland hat keine politische Kultur entwickelt. Statt Verträgen und Gesetzen gelten weiter die informellen „Ponjatia“ (Ganoven-Ehrbegriffe), persönliche Absprachen zwischen starken Leuten. Nehmen Sie das vom Westen gegebene Versprechen, die Nato werde nicht nach Osten expandieren. Die Entscheidungsträger redeten, tranken miteinander, und Gorbatschow meinte, darauf komme es an. Dabei gilt im Westen nichts ohne ein formelles Abkommen.

          Europa versucht heute, sich vor radikalen Muslimen zu schützen, die Geiseln nehmen und bereit sind, sich in die Luft zu sprengen. Sie hatten mit solchen Leuten schon in den siebziger Jahren zu tun.

          Ja, in Afghanistan, wo ich Material für mein Buch „Zinkjungen“ sammelte. Mich beeindruckte damals ein sehr schöner junger Afghane, der mir erklärte, sterben sei nicht schlimm, er komme dann gleich ins Paradies. Ebenso normal fand er es, seine Gefangenen umzubringen, wenn deren Verwandte nicht einen Sack Mehl vorbeibringen würden, um sie loszukaufen. Der Orient ist etwas ganz Eigenes.

          Der Orient ist heute auch in Europa.

          Das merkte ich in den späten nuller Jahren, als ich drei Jahre in Paris wohnte. Vielen arabischen Vierteln hielt man sich besser fern, im Gegensatz zu den chinesischen oder vietnamesischen, die ich gern besuchte und wo man gutes Essen bekam.

          Wie haben Sie die Terroranschläge von Paris wahrgenommen?

          Dass Terroristen mit Kalaschnikow-Sturmgewehren ins Bataclan-Theater eindringen konnten, zeigt, dass die Sicherheitskräfte nicht auf der Höhe waren. Die Terroristen wollen uns zum Teil ihrer Theaterinszenierung machen. Auf ihren Hinrichtungsvideos ist der Henker immer groß und schwarz gekleidet, das Opfer trägt Rot und ist viel kleiner. Als dann aber vor dem Bataclan muslimische Imame die Marseillaise sangen, war das auch eine starke theatralische Geste.

          Bundeskanzlerin Merkel wird heute kritisiert, weil sie unbeschränkt Flüchtlinge in Europa aufnehmen wollte.

          Ich halte Angela Merkel für eine große, weise Frau, eine echte Epochenfigur. Viele Russen schreien jetzt, Europa werde an den Immigranten zugrunde gehen. Dabei leben viele von ihnen selbst als Immigranten in Deutschland. Zu Deutschland gehören aber auch türkische Stadtviertel und viele gemischte Paare. Mir scheint, die Deutschen nehmen das gelassen. Ich glaube, Deutschland wird die Krise bewältigen und die Flüchtlingsströme „verdauen“.

          Literaturnobelpreis : Swetlana Alexijewitsch geehrt

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