https://www.faz.net/-gr0-8fcim

Ungarischer Schriftsteller : Literaturnobelpreisträger Imre Kertész gestorben

  • Aktualisiert am

Kertész 2009 bei der Frankfurter Buchmesse. Bild: Helmut Fricke

Der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész ist mit 86 Jahren gestorben. Der ungarische Romancier jüdischer Abstammung durchlitt mehrere Konzentrationslager – und verarbeitete die Schrecken in seinen Romanen.

          Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész ist tot. Er starb im Alter von 86 Jahren in Budapest, wie die ungarische Nachrichtenagentur MTI unter Berufung auf seinen Verleger berichtete.

          Imre Kertész wurde am 9. November 1929 in Budapest als einziges Kind jüdischer Eltern geboren. Der Romancier und Übersetzer wurde im Alter von vierzehn Jahren nach Auschwitz deportiert und später nach Buchenwald gebracht. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst als Journalist bei einer Tageszeitung, die jedoch schon nach kurzer Zeit zu einem kommunistischen Parteiorgan umfunktioniert wurde. 1951 erfolgten seine Entlassung aus der Redaktion und seine Einberufung zu einem zweijährigen Militärdienst. 

          Die Zeit im Konzentrationslager verarbeitete er 1973 in seinem „Roman eines Schicksallosen“, an dem er dreizehn Jahre lang arbeitete. Er finanzierte sein Schreiben mit Übersetzungen. „Roman eines Schicksallosen“ wurde in Ungarn 1975 veröffentlicht, erhielt aber erst rund zehn Jahre später literarische Anerkennung. 1996 erschien er in Deutschland. In dem nur in den Fakten autobiographischen Roman, den die Fachkritik als eines der bedeutendsten Erzählwerke über den Holocaust einstuft, zeichnet Kertész mit höchster Sensibilität und zugleich rationaler Distanz den Leidensweg eines Fünfzehnjährigen nach, der zunächst nach Auschwitz-Birkenau, dann nach Buchenwald und Zeitz deportiert wird und nach seiner Befreiung in Budapest mit dem Unverständnis der Menschen konfrontiert ist. Dabei erscheint die Wirklichkeit der Lager als selbstverständlich, als ein harter, aber von dem Jungen irgendwie akzeptierter Alltag. Erzählt wird lediglich aus der naiven Perspektive der Ich-Figur.

          Auch seine Bücher „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ und „Galeerentagebuch“ waren in Deutschland erfolgreich. Obwohl Kertész' Werke die dunkelste Seite des Lebens schildern, sah der Autor jedes Buch als "Komposition" mit einer "musikalischen Struktur", das im Aufbau einem "musikalischen Muster folgt", wie er der „Süddeutschen Zeitung“ sagte.

          Kertész in Berlin im Jahr 2012

          Im Jahr 2002 erhielt Kertész für sein Gesamtwerk den Literatur-Nobelpreis. Die Jury würdigte damit sein Werk, „das die zerbrechliche Erfahrung des Einzelnen gegenüber der barbarischen Willkür der Geschichte behauptet“. Er selbst bezeichnete die Auszeichnung in seinen Tagebüchern als „Glückskatastrophe“.

          Seinem Heimatland Ungarn stand der Schriftsteller kritisch gegenüber. 1990 hatte er den ungarischen Schriftstellerverband verlassen, später kritisierte er antisemitische Ausfälle in Ungarn. Von 2002 bis 2012 lebte er überwiegend in Berlin. Dann kehrte er nach Budapest zurück. Er starb am 31. März nach schwerer Krankheit.

          Weitere Themen

          Fans gedenken Michael Jackson Video-Seite öffnen

          Zehn Jahre nach dem Tod : Fans gedenken Michael Jackson

          Zehn Jahre nach seinem Tod ist er für sie immer noch ein Idol - trotz der Missbrauchsvorwürfe. Hunderte Menschen versammelten sich vor dem Forest-Lawn-Friedhof oder auf dem „Walk of Fame“ um dem „King of Pop“ zu gedenken.

          Kühler Kopf beim Blumengießen

          Garten in der Hitze : Kühler Kopf beim Blumengießen

          Die aktuelle Hitzewelle stellt eine immense Herausforderung für den Gartenbau dar. Viele Menschen greifen daher immer öfter zum Gartenschlauch – aber es gibt auch andere Mittel gegen den Dürretod.

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Nach Mord an Lübcke : Seehofer will Kampf gegen Rechts verstärken

          Der Mord an Walter Lübcke hat die Republik aufgeschreckt. Es sei bisher nicht alles Menschenmögliche gegen Rechts getan worden, sagt Innenminister Horst Seehofer. Aber auch die Gefahr durch Islamisten ist unverändert hoch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.