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Literaturnobelpreisträger : Günter Grass im Alter von 87 Jahren gestorben

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Spätes Eingeständnis: Grass war in der Waffen-SS

Mit der 2002 publizierten Novelle „Im Krebsgang“ nahm sich Grass eines von der deutschen Literatur lange gemiedenen Stoffes an, der deutschen Vertreibung aus dem Osten. Die Novelle handelt vom Untergang des Kreuzschiffs „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 in der Ostsee mit zehntausend Passagieren, fast ausschließlich Flüchtlingen, an Bord.

Kurz vor Erscheinen einer Autobiographie seiner frühen Jahre unter dem Titel „Beim Häuten der Zwiebel“ räumte Grass im August 2006 in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erstmals öffentlich ein, dass er am Ende des Zweiten Weltkrieges, nachdem er sich freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet habe, zur Waffen-SS einberufen worden sei und im Jahr 1944 in Dresden seinen Dienst als Panzerschütze in der 10. SS-Panzerdivision „Frundsberg“ angetreten habe. An Kriegsverbrechen sei er aber nicht beteiligt gewesen. Als Motiv nannte er den Wunsch, der Enge des Elternhauses zu entkommen. „Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe“, erklärte Grass damals, „das musste raus, endlich.“ Er habe sicher geglaubt, sagte Grass weiter, „mit dem, was ich schreibend tat, genug getan zu haben.“ Die Positionen in der folgenden Debatte reichten von harscher Verurteilung und Infragestellung seiner moralischen Integrität oder politischen Glaubwürdigkeit bis zu seiner Verteidigung.

Lyrische Israel- und Europa-Kritik

In „Die Box“ (2008) erzählt Grass aus der (erfundenen) Perspektive seiner acht Kinder die Fortsetzung von seiner Lebensgeschichte von den sechziger bis in die neunziger Jahre. 2009 legte der Autor sein Tagebuch aus dem Jahr 1990 „Unterwegs von Deutschland nach Deutschland“ vor, in dem er seine Skepsis gegenüber dem deutschen Einigungsprozess protokollierte. Mit dem Leben der Brüder Grimm wie auch dem eigenen beschäftigte sich Grass 2010 in seinem Buch „Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung“.

Im April 2012 veröffentlichte Grass zeitgleich in der „Süddeutschen Zeitung“, der italienischen „La Republica“ und der spanischen „El País“ ein Prosagedicht mit dem Titel „Was gesagt werden muss“, in dem er Israel vorwirft, mit seinen Drohungen gegen Iran den Weltfrieden zu gefährden. Er warnt vor einem atomaren Angriff Israels, der das „iranische Volk auslöschen könnte“, und kritisiert die Lieferung deutscher U-Boote an Israel. Mit seinen Äußerungen löste der Schriftsteller einen Sturm der Kritik aus. Die Kritik des politischen Feuilletons fiel überwiegend negativ aus. Bemängelt wurden neben der literarischen Qualität des Gedichtes vor allem Inhalt und Selbstbezogenheit des Autors. Die Vorwürfe reichten von politischer Unkenntnis bis zu Antisemitismus.

Zwiespältig, wenn auch im Ton deutlich verhaltener fiel die Kritik des Feuilletons auf das im Mai 2012 wieder in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlichte Gedicht mit dem Titel „Europas Schande“ aus, in der er sich kritisch mit der geschichtsvergessenen, allein finanzpolitisch orientierten Art und Weise des Umgangs Deutschlands und anderer europäischen Länder mit dem hochverschuldeten EU-Mitglied Griechenland auseinandersetzte.

„Er ist das, immer noch er“

Im Januar 2014 kündigte Günter Grass an, keinen Roman mehr zu schreiben. Sein Gesundheitszustand lasse es nicht zu, über einen Zeitraum von fünf bis sechs Jahren zu planen, die ein Roman erfordere.

An diesem Montag starb Günter Grass in einer Lübecker Klinik. Zum Tod des Autors veröffentlichte das Grass-Museum der Stadt auf seiner Homepage dessen Gedicht „Wegzehrung“: „Mit einem Sack Nüsse will ich begraben sein und mit neuesten Zähnen. Wenn es dann kracht, wo ich liege, kann vermutet werden: Er ist das, immer noch er.“

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