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Literaturnobelpreis : Abdulrazak Gurnah hatte keiner auf der Rechnung

Abdulrazak Gurnah im August 2017 in Edinburgh Bild: picture alliance / StockPix

Der diesjährige Literaturnobelpreis geht an Abdulrazak Gurnah aus Tansania. Das darf man eine Überraschung nennen. Ist das gut oder schlecht? Wenn in der Öffentlichkeit nur die Literatur des Preisträgers zählte, wäre die Entscheidung zu begrüßen.

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          Sie hat es schon wieder geschafft. Die Stockholmer Akademie überrascht mit dem neuen Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah – wie schon im Vorjahr, als die weitgehend unbekannte (aber exzellente) Lyrikerin Louise Glück die wichtigste Auszeichnung des literarischen Lebens zugesprochen bekam. Dass die Wahl diesmal auf den aus Tansania stammenden, aber in Großbritannien lebenden Gurnah fiel, dürfte kaum jemand erwartet haben.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Wettbüros hatten die üblichen Verdächtigen wie Haruki Murakami oder Margaret Atwood hoch gehandelt, aber sie lagen wie schon 2020 falsch, weil die Quellen, die immer wieder Informationen über die Entscheidungen der Akademie vorab ausgeplaudert hatten, seit dem Skandaljahr 2018, als die Preisverleihung ausgesetzt und die Akademie teilweise neu besetzt werden musste, versiegt sind. Gut so.

          Aber ist auch die Entscheidung für Gurnah gut? Ja, wenn man den Nobelpreis als wohl einzig ernstzunehmende Honorierung für Weltliteratur im geographischen Sinne begreift. Dann konnte es mit der stark westzentrierten Auswahl der Preisträger nicht mehr weitergehen. Allein aus dem englischen Sprachraum kamen vier der letzten zehn Gewinner, und mit Mo Yan aus China war nur ein Autor dabei, der nicht aus Europa oder den Vereinigten Staaten kam. Nein, wenn man den Nobelpreis auch als Gradmesser für literarischen Einfluss sehen will – wie es die Akademie tut, wenn man ihren Begründungen glauben darf, etwa im Falle der umstrittenen Entscheidungen für Bob Dylan und Peter Handke. Dann ist Gurnah eine seltsame Wahl. Zudem wieder ein englischsprachiger Schriftsteller.

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          Im Überblick : Nobelpreisträger von 1901 bis 2022

          Doch es sollte ja eigentlich vorrangig weder ums eine wie ums andere gehen. Sondern um die Qualität des literarischen Schaffens. Also ist Gurnah, nach dem was man hört – ins Deutsche übersetzt wurde er zuletzt 2006 mit dem Roman „Die Abtrünnigen“, aber alle seine deutschen Publikationen sind derzeit vergriffen – doch eine gute Wahl. Denn überrascht zu werden nicht nur durch einen Namen, sondern auch durch das, was man nun aus Neugier lesen wird, das bekommt auch dem Literaturnobelpreis gut.

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