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Louise Glück bei den National Book Awards 2014 Bild: AFP

Literaturnobelpreisträgerin : Beglückende Dichtung

Die Schwedische Akademie überrascht: Nach dem Doppelschlag vom vergangenen Jahr mit den internationalen Berühmtheiten Olga Tokarczuk und Peter Handke geht der Preis des Jahres 2020 an die amerikanische Lyrikerin Louise Glück.

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          Das darf man eine Überraschung nennen: Den Namen Louise Glück in der Aussprache des Sekretärs der Schwedischen Akademie zu identifizieren war das kleinere Problem, die Dichterin zu kennen, die da gerade als Literaturnobelpreisträgerin verkündet worden war, das größere. Also: Louise Elisabeth Glück, geboren 1943 in New York City als ältere von zwei Töchtern einer ursprünglich aus Ungarn stammenden jüdischen Familie, seit 1962 mit Lyrik hervorgetreten und trotzdem so wenig außerhalb ihres Landes rezipiert, dass die einzige Erwähnung zum Beispiel in der F.A.Z. fast ein Vierteljahrhundert zurückliegt und in der Bemerkung bestand, dass in einem Auswahlband amerikanischer Gegenwartsdichtung auch „einige Dichterinnen vorgestellt werden, die bei uns noch kaum bekannt sind, so Louise Glück, die von der ‚Confessional Poetry‘ herkommt“ – Bekenntnislyrik also.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Aber das kann keine Ursache sein für die bislang im deutschsprachigen Raum fast verschwindend geringe Wahrnehmung einer Schriftstellerin, die nun mit einem Schlag zu den bekanntesten der Welt zählt. In den Vereinigten Staaten ist 2012, gewissermaßen zum fünfzigsten Geburtstag des Beginns von Glücks lyrischem Schaffen, ein sechshundert Seiten dicker Band mit gesammelten Gedichten erschienen, und das bei Farrar, Straus und Giroux, einem der renommiertesten literarischen Verlage des Landes. Kein Vorwort, keine Kommentare der Verfasserin, nur die Bemerkung im Klappentext, dass sich die Dichtung von Louise Glück eigentlich einer Auswahl entziehe, weil sie mit jedem neuen Buch das bislang Ausgelotete hinter sich lasse. Was sich aber doch wiederholte, das ist Glücks Prinzip, buchüberspannende Zyklen zu dichten, und das macht es tatsächlich schwer, einzelne Poeme aus ihrem Werk herauszuheben. Glück ist trotz ihres höchst persönlichen Tonfalls eine holistische Dichterin.

          Louise Glück mit Barack Obama, der ihr 2015 die National Humanities Medal verlieh.
          Louise Glück mit Barack Obama, der ihr 2015 die National Humanities Medal verlieh. : Bild: Picture-Alliance

          Ein Beispiel, „Sunset“ aus dem 2009 erschienenen Band „A Village Life“: „At the same time as the sun’s setting, / a farm worker’s burning dead leaves. // It’s small nothing, this fire. / It’s small thing, controlled, / like a family run by a dictator. // Still, when it blazes up, the farm worker disappears; / from the road, he’s invisible. // Compared to the sun, all the fires here / are short-lived, amateurish – / they end when the leaves are gone. /Then the farm worker reappears, raking the ashes. // But the death is real. / As though the sun’s done what it came to do, / made the field grow, then / inspired the burning of earth. // So it can set now.” Eine Elegie des Landlebens, vorsichtig politisch aufgeladen (der „Diktator“) und dann doch wieder ganz privat (der über eine Familie herrscht). Und dann gibt es im selben Band natürlich auch noch „Sunrise“, viele Gedichte nach „Sunset“ und leider zu lang, um hier in Gänze zitiert zu werden, eine anderthalbseitige Ode an die Schönheit des Landlebens, auch sie zwar durchzogen von Wehmut, doch in tiefem Frieden angesichts einer Rückkehr des lyrischen Ichs: „I had to see if the fields are still shining, / the sun telling the same lies about how beautiful the world is / when all you need to know of a place is, do people live there. / If they do, you know everything.”

          Louise Glücks beglückende Dichtung ist nur selten ins Deutsche übersetzt worden, allerdings beide Male von ihrer Kollegin Ulrike Draesner für den Luchterhand Literaturverlag, 2007 (der Band „Averno“) und 2008 („Wilde Iris“). Danach kehrte wieder dieselbe Ruhe um diese Dichterin ein wie in den vierzig Jahren zuvor. Das wird sich jetzt ändern.

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