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Literaturnobelpreis 2017 : Der ausgezeichnete Kazuo Ishiguro

Bild: HANDOUT/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Die Entscheidung der Schwedischen Akademie ist eine Überraschung, aber ausgezeichnet: Mit dem zweiundsechzigjährigen Briten ist 2017 einer der klügsten und formbewusstesten Schriftsteller gewürdigt worden.

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          Die Entscheidung der Schwedischen Akademie, dem 1954 in Japan geborenen, aber seit dem fünften Lebensjahr in Großbritannien lebenden und vor allem auch Englisch schreibenden Kazuo Ishiguro den diesjährigen Literaturnobelpreis zuzuerkennen, ist eine hervorragende. Nicht nur, dass damit erstmals seit Jahren auch alle Buchmacher überrascht wurden, von denen niemand Ishiguro hochgewettet hatte – ganz im Gegensatz zu Bob Dylan im Vorjahr. Hier ist auch einem Literaten von höchsten Gnaden der höchstangesehene (und höchstdotierte) Literaturpreis der Welt verliehen worden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Akademie begründet das mit der „emotionalen Kraft“ von Ishiguros Romanen, und sie sieht diese Entscheidung gerade als geeignete Reaktion auf das Jahr, in dem er vergeben wird, einem hochpolitisierten mit Krisen rund um die ganze Welt, die etliche Autoren auf den ersten Blick plausibler hätten erscheinen lassen. Aber eben nur politisch plausibler: Margaret Atwood wegen ihrer Kritik an Donald Trump, Ko Un wegen seiner ausgleichenden Haltung im Konflikt seiner koreanischen Heimat, Amos Oz wegen seines Dauerengagements in israelischen Fragen und auch den im Exil lebenden Kenianer Ngugi wa Thiong’o als Repräsentanten des so gebeutelten afrikanischen Kontinents. Aber Kazuo Ishiguro kann ihnen allen literarisch leicht das Wasser reichen, und mehr als das: Sein von japanischer Präzision und angelsächsischer Klarheit bestimmter Stil und Formaufbau hat derzeit in der Welt kaum Konkurrenz.

          Murakami wird nun weiter warten müssen

          Die größte stellte wohl Haruki Murakami dar, der wiederum einmal enttäuschte Dauerfavorit auf den Literaturnobelpreis, dessen japanische Bücher von westlicher Literatur entscheidend mitgeprägt sind. Mit Ishiguros Wahl dürfte seine Auszeichnung in weite Ferne gerückt sein. Aber das mindert die Freude über den aktuellen Gewinner nicht. Denn ganz wie Murakami ist Ishiguro auch ein Schriftsteller, der ein großes internationales Publikum hat. Und dazu haben nicht zuletzt – neben dem Drehbuch zum Film „The White Countess“ – die Verfilmungen von zwei Büchern beigetragen: des berühmten Romans „The Remains of the Day“ (Was vom Tage übrigblieb) und zuletzt „Never Let Me Go“ (Alles, was wir geben mussten). Diese Verfilmung ist sieben Jahre her, das Buch schon zwölf Jahre alt, und doch war es der vorletzte Roman; 2015 erschien der bislang jüngste, „The Buried Giant“, der noch im selben Jahr als „Der begrabene Riese“ auch auf Deutsch erschien.

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          Diese Blitzübersetzung zeigt bereits, dass Ishiguro zu den wenigen Autoren mit derart großer weltweiter Strahlkraft gehört, dass man als deutscher Verlag nicht das Risiko eingehen will, dass sein Publikum das englische Original vorzieht, weil es nicht erwarten kann loszulesen. Das ist seit „Was vom Tage übrigblieb“ so, dem 1989 erschienenen Hauptwerk, das eine urenglische Handlung erzählt, die sich vor, im und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf einem Landsitz abspielt. Ishiguro trat damit das Erbe der klassischen englischen Literatur an, doch er brachte eine unsichere Erzählhaltung in diesen Stoff, die im Gegensatz zu den gefestigten historischen Meinungen der Europäer stand. Dass der Roman just im Umbruchjahr 1989 erschien, trug zu seiner Wirkung bei.

          Ishiguro hatte 1982 mit seinem immer noch schönsten Buch debütiert: „Damals in Nagasaki“, im Original „A Pale View of Hills“. Auch dort war ein militärisches Drama Dreh- und Angelpunkt des Geschehens: der Atombombenabwurf vom 9. August 1945. Doch Ishiguro betrachtet das historische Ereignis aus der Perspektive normaler Menschen, in diesem Falle einer nach England ausgewanderten Japanerin. Hier zehrte Ishiguro von den Erfahrungen seiner Eltern, aber es  gibt ansonsten kaum autobiographischen Züge in seiner Literatur.

          Dafür aber gesellschaftskritische wie vor allem in „Alles, was wir geben mussten“. Der Roman erzählt von einer englischen Gesellschaft, in der geklonte Kinder als menschliche Ersatzteilnehmer für Wohlhabende aufgezogen werden. Ishiguro erwies sich damit auch als großer Dystopiker, ohne sich aber politisch exponieren zu wollen. Immerhin gab er im vergangenen Jahr nach dem Brexit-Votum seiner Besorgnis Ausdruck, dass dadurch die Fremdenfeindlichkeit in seinem britischen Heimatland wachsen könnte. Das war aber auch schon eine der seltenen tagesaktuellen Einmischungen des Schriftstellers, der ansonsten ganz für sein Werk lebt und sich gerade deshalb damit auch immer mehr Zeit lässt. Die wird nun als Nobelpreisträger eine ganze Weile anderem gelten müssen.

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