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Literatur : Ehedrama in Auschwitz

  • -Aktualisiert am

Von seinem Material besessen: Walter Kempowski im Jahre 1944 Bild: ddp

In seinem Roman „Tadellöser & Wolff“ hat Walter Kempowski Auschwitz erwähnt - allerdings einzig im Zusammenhang mit einem Ehedrama. Von der Kritik war er dafür gescholten worden. Wie stieß Kempowski auf jene Nachricht?

          Es gibt in der Literatur Stellen, die so beiläufig wirken, dass man deren Wucht erst nach und nach begreift. Die Erwähnung von Auschwitz in Walter Kempowskis Roman „Tadellöser und Wolff“ (1971) ist eine solche: Walter ist bei Großvater de Bonsac in Hamburg zu Besuch, als dieser beim Frühstück in der Zeitung blättert und beim „Sonstigen“ hängenbleibt, jenem Teil des Blattes, der „immer die interessantesten Nachrichten“ bereithält. Da ist von einem kleinen Jungen die Rede, der in São Paulo „von einem wilden Bienenschwarm getötet“ wurde, „und in Auschwitz, bei Kattowitz, da habe sich auf der Straße ein blutiges Ehedrama abgespielt“.

          Die geographische Verortung von Auschwitz zeigt an, wie wenig der Name dem jungen Kempowski in den Ohren geklungen hat. Damit ist auch gesagt: Wir wussten nichts vom Judenmord, der sich auf (annektiertem) Reichsgebiet in Oberschlesien abspielte. Für den heutigen Leser stellt sich ein „böser Widersinn“ (so der Literaturwissenschaftler Norbert Mecklenburg) ein, der sich aus dem jetzigen kollektiven Wissen und der vergleichsweise banalen Meldung ergibt.

          Literarische Instrumentalisierung

          Man hat Kempowski für die inszenierte Naivität seines Alter Ego häufig gerügt; „perfide“ hat man es in der zeitgenössischen Kritik genannt, so etwas zu erfinden und Auschwitz damit literarisch zu instrumentalisieren – ohne dabei zu leugnen, dass nur wenige von Auschwitz tatsächlich etwas wussten. Mit dieser Kritik traf man den Autor nicht nur hart, man zielte auch an dessen Intention vorbei, wie dieser in seinem Tagebuch „Sirius“ Jahre später offenbarte. Er habe Auschwitz erwähnt, weil er auch von den Angriffen auf Hamburg („weniger schlimm dargestellt, als sie es waren“) erzählt habe. Es erschien ihm wichtig, dass „sich der Leser daran erinnerte, was gleichzeitig im Osten geschah“.

          Kempowski wollte aber nach eigener Auskunft „das deutsche Selbstmitleid nicht herausfordern“. Fast nebenbei deutet der Autor im Tagebuch auch an, dass die Meldung aus Auschwitz nicht erfunden ist, sondern auf einem tatsächlichen Zeitungsartikel beruht. Das jedoch macht aus der als geschmacklos empfundenen Instrumentalisierung von Auschwitz einen Fall verdeckter, fast möchte man sagen: vertrackter Intertextualität. Kempowski, der Meister spannungsreicher Bezüge, verweist damit auf einen nicht leicht zugänglichen Text, der mehr offenbart, als sich auf den ersten Blick zeigt.

          Den Roman zum Sprechen gebracht

          Der von seinem Material geradezu besessene Schriftsteller hat akribisch aufgezeichnet, woher er solche Realien bezog. In der Berliner Akademie der Künste, der er sein Archiv im vergangenen Jahr kurz vor seinem Tod übergeben hat, finden sich auch die Zettelkästen, die „Tadellöser & Wolff“ noch einmal ganz anders aufschließen. Schon vor Jahren hat der Literaturwissenschaftler und Kempowski-Freund Manfred Dierks eindrucksvoll gezeigt, wie ein Leser, dem dieses Material zur Verfügung steht, den Roman auf vielfältige Weise zum Sprechen bringt.

          Auf einer Karteikarte hat Kempowski etwa vermerkt, woher die beiden Schlagzeilen stammten, die er in der erwähnten Szene zitierte. Während ihm die Meldung über die tödlichen Bienenstiche im Radio lange nach dem Krieg zugeflogen war, fand er die Nachricht aus Auschwitz im „Rostocker Anzeiger“ vom 1. Juli 1943. Ein Exemplar dieser Ausgabe ist in Berlin zwar nicht vorhanden, doch lässt es sich leicht ermitteln. Unter der Überschrift „Blutiges Ehedrama auf der Straße“ ist dort zu lesen: „In Auschwitz, bei Kattowitz, spielte sich auf offener Straße ein blutiges Ehedrama ab. Ein Mann, der mit seiner Frau in Unfrieden lebte, geriet auf dem Ring mit ihr in neuerlichen Streit. Dabei zog der ein Messer und erstach seine Frau. Der Mörder stellte sich daraufhin der Polizei.“

          Keineswegs Kempowskis Erfindung

          Der kurze Artikel trägt kein Kürzel, obwohl man annehmen darf, dass er über den „grünen Dienst“ des amtlichen „Deutschen Nachrichtenbüros“, das die gleichgeschalteten Zeitungen im Reich versorgte, gelaufen war. Es fällt auf, dass die Ortsangabe „bei Kattowitz“ keineswegs Kempowskis Erfindung ist, sondern dem Original entstammt. Warum wurde diese Meldung 1943 wohl verbreitet? Was sollte diese journalistische Inszenierung scheinbarer Normalität – auch wenn ein Mord geschieht, so wird dieser doch offenbar gesühnt – am Schauplatz des größten Menschheitsverbrechens?

          Noch absurder erscheint die Meldung, wenn man in der Rubrik „Kurze Tagesneuigkeiten“ weiterliest. Direkt darunter berichtet der „Rostocker Anzeiger“ von zwei Berliner Frauen, Mutter und Tochter, die man „mit Gas vergiftet aufgefunden“ habe. „Der Grund zu der Verzweiflungstat ist vermutlich in schwerer Krankheit zu suchen.“ Die Erwähnung von Auschwitz, Mord und dem Gastod zweier Menschen in diesen Kontexten erscheint mit dem heutigen Wissen ungeheuerlich – und doch ist sie in der Kombination höchstwahrscheinlich ein Zufall.

          Aber es ist einer jener Zufälle, die für Kempowski die Wirklichkeit und letztlich auch deren textliche Repräsentation ausmachen – nicht zuletzt im „Echolot“ hat er dies vielfach vorgeführt. Man wird, das kann man jetzt schon ahnen, beim intensiven Studium des Archivs in Berlin noch viele solcher Zufälle und eine Menge spannungsreicher intertextueller Bezüge entdecken können. Die Kempowski-Philologie steht in dieser Hinsicht jedenfalls noch am Anfang.

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