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Schriftsteller auf Busreise : Grausame Witze für Europa

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An Neugier aufs Fremde gebricht es nicht im sich stets nationalistischer gebärdenden Europa: Blick auf die Bühne des „Krokodil“-Festivals in Belgrad. Bild: Srdjan Veljović

Als diese Fahrt losging, konnte noch niemand ahnen, wie bröckelig der europäische Zusammenhalt werden sollte: Hundert Autoren reisen im Bus auf Lesetour vom Polarkreis bis in die Türkei - und erleben eine Menge.

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          Schnell, bequem und im Namen der Grenzen überwindenden Kraft der Literatur mehrere europäische Länder zu durchqueren - in diesen Tagen klingt das wie ein besonders grausamer Witz. „Imagine“, schreibt das Literaturnetzwerk „Crowd“ in seinem Leitbild für genau dieses Projekt, dass sich hundert europäische Autoren zu einer gemeinsamen Busreise quer durch den Kontinent auf den Weg machen „und dabei all die wieder erstehenden Grenzen zusammen überschreiten“. Das könne ein Anfang sein.

          Kann es das? Europa ist gerade dabei, sich in kleine Stücke zu zerschneiden, wohl in der Hoffnung, diese besser verstehen zu können als das große chaotische Ganze. Resultate sind aber selten die erwünschte Sicherheit und Ordnung, vielmehr Abschottung und Hass. Seit Mai fahren wechselnde Kleingruppen europäischer Schriftsteller nun schon vom Polarkreis in Richtung Mittelmeer; überall, wo der Bus vorbeikommt, in Finnland, Polen, Deutschland, Österreich, und auch dort, wo er nicht vorbeikommt, scheint ein zunehmend nach innen gerichteter Blick Geographie und Moral zu verzerren: Geert Wilders spricht in den Niederlanden von „fernen Orten wie Brüssel“, der Brite Nigel Farage gratuliert seinem Volk dazu, den EU-Austritt erreicht zu haben, „ohne auch nur eine einzige Kugel zu feuern“, und im Westbalkan wird seit Monaten ein Zaun nach dem anderen errichtet.

          Überhaupt: der Westbalkan. Nicht erst seit den jüngsten Entwicklungen scheint eine besondere Beziehung zwischen der Balkan-Halbinsel und der menschlichen Neigung zur Spaltung und Abgrenzung zu existieren. Bereits im frühen zwanzigsten Jahrhundert, nachdem der Zerfall des Osmanischen Reichs und der Erste Weltkrieg die Region in eine ihrer vielen Krisen gestürzt hatten, fand ein neues Verb den Weg in die meisten europäischen Sprachen: Balkanisieren, balkaniser, balkanizzare, to balkanise bezeichnet seither die nationalistische Zersplitterung geographischer und politischer Einheiten, meist mit negativem Unterton.

          Schönstes, hellstes Utopie-Europa

          Kurvige Landstraßen führen aus der Stadt Maribor nach Jurovski Dol, ein winziges Dorf unweit der österreichischen Grenze in Spielfeld. Es ist eines von vielen Tälern in den Windischen Büheln und liegt eingebettet in einer dramatischen Hügellandschaft. Sein Namenspatron ist der heilige Georg, Drachentöter und Bote des Frühlings. Auf die Nachricht, man werde sich verspäten, schickt Natasa Kramberger folgende SMS: „Travelling in United Europe. Alles wird noch gut.“

          Kramberger, eine feenhafte Erscheinung mit Sommersprossen, die ihre Zeit zwischen Berlin und ihrem Heimatort Jurovski Dol, zwischen dem Schreiben und der Landwirtschaft aufteilt, hat vor einigen Jahren das Öko-Kunstkollektiv Zelena Centrala („grüne Zentrale“) gegründet, wo sie mit Freunden und Freiwilligen altertümliche Obst- und Gemüsesorten anbaut, Buchweizen, Dinkel und Roggen sät, Kunstworkshops und Ernährungskurse veranstaltet. Es gibt noch kein fließendes Wasser, dafür Lavendelfelder und einen Kräutergarten in Form des menschlichen Körpers - Pfefferminze, Basilikum und Kümmel für den Magen wachsen in seinem Bauch, Kamille und Kornblumen für die Augen in seinem Kopf, und so weiter.

          Im Garten vor dem Bauernhaus stehen die Autoren am Abend auf frisch gemähtem Gras, lesen auf Deutsch, Griechisch und Finnisch, das Publikum hat Ausdrucke in slowenischer Übersetzung auf dem Schoß. Manche schließen beim Zuhören die Augen. Sie tauschen das letzte Glas Feigenmarmelade aus der Vorjahresernte, einen Berg roter Johannisbeeren, einen Apfel aus dem Obstgarten gegen ein Gedicht. Schönstes, hellstes Utopie-Europa.

          Grenzkontrolle

          Später aber, der Mond hängt tief wie eine Leuchtkugel über den sommerlichen Feldern, erzählen die Autoren einander Geschichten aus ihren Heimatländern, die von der finnisch-nationalistischen Straßenpolizei Soldiers of Odin und von Hakenkreuzen auf kroatischen Fußballfeldern handeln. Auch Kramberger erinnert sich an „viele grausame Gespräche“ aus dem vergangenen Sommer, als Tausende Flüchtlinge auf dem Weg nach Österreich die Gegend passierten. Dann sagt sie das vertraute, trotzdem flüchtige Wort: Angst. „Wir haben jetzt viele Waffen hier“, Waffen aus Österreich, wo sie leichter zu bekommen seien, auch die Waffenscheine.

          Viele Einheimische kennen den Weg gut, fahren regelmäßig ins Nachbarland, um für Geld Blut zu spenden. Ungefähr 25.000 Menschen aus der Untersteiermark und den umliegenden Grenzregionen pendeln jeden Tag, sind jeden Tag die Fremden. Morgens im Berufsverkehr, hat ein Bekannter Kramberger erzählt, scheine es manchmal, als verlangsamten österreichische Wagen absichtlich, um Fahrer mit slowenischen Nummernschildern zu spät zur Arbeit kommen zu lassen. „Aber leider verbünden sich Schwache und Schwache nur selten“, sagt Kramberger.

          Als der Bus am nächsten Morgen nach Serbien aufbricht, sieht es für eine Sekunde so aus, als würden die wild durcheinander wachsenden Getreidehalme sich zu feinen Straßen ordnen. Der Bus beschleunigt, und sie verschwimmen zu einem undeutlichen goldgrünen Schweif. Einige Stunden später an der kroatisch-serbischen Grenze, einem Ende der Europäischen Union, liegt ein Polizist unter einem schwarzen BMW wie ein besonders engagierter Mechaniker. Die Motorhaube ist krokodilsmaulartig geöffnet, erst drei, dann vier durchtrainierte Kollegen beugen sich über den Kofferraum. Der Fahrer, ein älterer Mann mit verwuschelten grauen Haaren, steht stumm und mit müden Augen daneben. Ein Beamter betritt mit versteinerter Miene den Bus und spricht, wenn überhaupt, nur einsilbig.

          „Wir haben uns darauf gefreut, Europa zu islamisieren“

          Es ist unklar, wann es weitergeht. Durch die Busscheibe sieht man einen gepflegten Mann im rosa Poloshirt mit Formularen unterm Arm und dem für Behördengänge reservierten geschäftig-hilflosen Blick irgendetwas suchen. Auf der Autobahnraststätte gleich hinter der Grenze wird man ihn sofort wiedererkennen, sich freuen, ihn zu sehen, als hätte man etwas zusammen erlebt. Alles wirkt ein bisschen wie Kafkas „Prozess“, open air, nur mit dem Unterschied, dass sich die vermeintlichen Ordnungshüter im Roman nicht nur als bedrohliche, sondern auch als ausgesprochen komische Figuren erweisen, die Josef K. im Bett überraschen, ihm das Frühstück wegessen und mit ihren dicken Bäuchen „förmlich freundschaftlich“ an ihn stoßen. Kafka, ein Experte für die faschistoide Seite des Menschen, soll beim Vorlesen dieses ersten, von der Verhaftung erzählenden Kapitels laut gelacht haben.

          Die widersprüchlichen Impulse von Lachen und Schrecken koexistieren nirgendwo auf der Balkan-Halbinsel auf so engem Raum wie in Belgrad. Wie viele von Krieg und Unruhe gebeutelte Metropolen ist die Stadt weltbekannt für ihr wildes Nachtleben. Das Festival „Krokodil“ - im Serbischen ein Akronym für „Literarische regionale Versammlung zugunsten einer Linderung von Langeweile und Lethargie“ - ist eine verhältnismäßig gediegene Angelegenheit, seit seiner Gründung im Jahr 2009 aber eine der erfolgreichsten Literaturveranstaltungen der Region. Das kleine Atrium vor dem Museum für jugoslawische Geschichte ist voll besetzt und romantisch beleuchtet, in der Ferne ragen zwei Hochhausklötze in den Himmel wie einzelne graue Zähne. Die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel betritt die Bühne, eine himbeerfarbene Baskenmütze auf dem Kopf, die gleich viel mehr Sinn ergibt, wenn man sich vor Augen führt, dass sie sich selbst gerne als Witzeerzählerin beschreibt.

          Ihr autobiographischer Text „11.9. 2015“ erzählt von ihrer Arbeit „als Schlepperin“, wie sie sagt, als sie gemeinsam mit der Freundin Marie als Teil eines nächtlichen Autokorsos zwischen Wien und Ungarn hin- und herfuhr, um so viele dort festsitzende Flüchtlinge wie möglich über die Grenze zu befördern. Im Auto fragt sie ein junger Mann aus Afghanistan nach dem Soundtrack seines Lieblingsfilms „Titanic“ - „it is so romantic“, Rose sei die schönste Frau der Welt. Als sich herausstellt, dass beide Fahrerinnen in einem Callcenter gearbeitet haben, sagt er, er würde seiner Frau so eine harte Arbeit, ja Arbeit überhaupt niemals erlauben. „Da haben Maria und ich kurz diskutiert, ob wir doch zurückfahren sollen.“ Sargnagel hält inne. „Aber eigentlich haben wir uns dann doch darauf gefreut, Europa zu islamisieren.“

          Nicht das Schlechteste, was Europa passieren kann

          Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, hat Sargnagels Text die genau entgegengesetzte Wirkung wie das Warten vor einer geschlossenen Grenze als Übung in Eindeutigkeit. Der Text schießt in mehrere Richtungen gleichzeitig, ermöglicht Einfühlung und Distanzierung, zwingt dazu, die Spannung zwischen schwärzestem Humor und erdrückender Schwere auszuhalten. Er ist ein exzellentes Beispiel für die beunruhigende, verwirrende, weltvergrößernde Vieldeutigkeit der Literatur.

          Zwischen den Lesungen spielt eine Kabarettband hysterische serbische Versionen berühmter Gedichte. Raymond Carvers „Fear“ verwandelt die Sängerin, sich selbst mit einfachen, spöttisch hüpfenden Akkorden auf dem Keyboard begleitend, in eine Ode auf das paneuropäische Gefühl der Stunde: die Angst vor allem. Schrill und unglaublich leidend singt sie von der Angst, nachts einzuschlafen, der Angst, nicht einzuschlafen, der Angst vor der Handschrift der eigenen Kinder auf einem Briefumschlag, vor der Putzfrau und dem Fleck in ihrem Gesicht, vor Gewittern. Dazwischen, unscheinbar, die Angst, die Vergangenheit könnte wiederkehren. Vielleicht sind grausame Witze nicht das Schlechteste, was Europa passieren kann.

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