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Zum Tod von Amos Oz : Liebe und Finsternis

Er wird in Erinnerung bleiben als großer Romancier: Amos Oz, geboren am 4. Mai 1939 und gestorben am 28. Dezember 2018 in Jerusalem Bild: AP

Er war ein hellwacher Beobachter, streitbarer Intellektueller, brillanter Stilist: Zum Tod des israelischen Schriftstellers Amos Oz.

          Mit Amos Oz ist der angesehenste israelische Schriftsteller gestorben, auch einer der besten – er war ständig im Gespräch für den Literaturnobelpreis, und wenn diese Auszeichnung für einen Israeli aus feigem politischen Kalkül nicht so unwahrscheinlich wäre, hätte aus literarischen Gründen niemand etwas dagegen einwenden können. Der Schmerz darüber, dass Oz wie so viele andere bedeutende Autoren in Stockholm leer ausging, wird aber dadurch kompensiert, dass er sonst so ziemlich alles an bedeutenden Auszeichnungen erhalten hat, was es gibt: 1992 schon den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, später dann den Israel-Preis, den Goethepreis, den Prinz-von-Asturien-Preis, den Heinrich-Heine-Preis, den Siegfried-Unseld-Preis, den Franz-Kafka-Preis und 2014 auch als Erster den Siegfried-Lenz-Preis.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dass ihm so viele dieser Ehrungen in Deutschland zugesprochen wurden, ist ein Spiegelbild der Faszination des hiesigen Publikums für diesen einerseits eminent meinungsfreudigen, andererseits kompromisslos der Literatur verpflichteten Schriftsteller. So sehr er sich in seiner Heimat zu dortigen politischen Fragen zu Wort meldete – immer mäßigend, stets offen auch gegenüber den palästinensischen Anliegen, aber auch zuverlässig als israelischer Patriot –, so wenig ließ er sich dadurch vom Eigentlichen abbringen: seinem fiktionalen Werk.

          Beginnend 1965 mit der Erzählungssammlung „Wenn die Schakale heulen“, die Suhrkamp erst kürzlich, nur wenige Monate vor seinem Tod, dem deutschen Publikum endlich zugänglich gemacht hat, erzählte der 1939 in Jerusalem als Sohn einer russischstämmigen Familie namens Klausner geborene Oz (diesen Namen nahm er im Kibbuz an) immer autobiographisch grundiert: über seine Erfahrungen als Kind in der Phase des israelischen Unabhängigkeitskampfs, über seine Zeit als Kibbuznik und dann über die Erfahrungen als Soldat im Sechstage- und im Jom-Kippur-Krieg. Gerade dieser mustergültige israelische Lebenslauf ließ seine kritische Stimme so bemerkenswert erscheinen – und machte es seinen nationalistischen Gegnern schwer, diese Stimme einfach abzutun. Zumal, wenn deren Ansichten in fiktionalem Gewand daherkamen wie etwa 2002 in „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“, dem Roman über seine eigene Kindheit und damit zugleich auch über die Kindheit des Staates Israel.

          Das lässt hoffen

          Sein erster von insgesamt vierzehn Romanen erschien 1966; zehn Jahre später war dieser auch die erste Publikation von Oz’ fiktionalem Schaffen auf Deutsch: zunächst beim Claassen Verlag als „Keiner bleibt allein“, 2001 dann bei Suhrkamp in der Übertragung seiner langjährigen kongenialen Übersetzerin Ruth Achlama unter dem werkgetreuen Titel „Ein anderer Ort“. Aber hierzulande hatte man Oz noch früher als politischen Autor kennengelernt. 1970, nur kurz nach dem hebräischen Original, war sein gemeinsam mit Avraham Schapira verfasster Gesprächsband mit israelischen Soldaten erschienen, der damals international Aufsehen erregte und in seiner Anlage und dem erzählerischen Anspruch schon vorführte, was seiner russischen Kollegin Swetlana Alexijewitsch sehr viel später den Literaturnobelpreis einbringen sollte: die Form einer stilistisch hochausgefeilten, subjektiv gestalteten Dokumentation.

          Aber Oz wird in Erinnerung bleiben als großer Romancier, und dabei vor allem mit dem 1992, dem Jahr des Friedenspreises, auf Deutsch erschienenen „Der dritte Zustand“, im Original „Fima“, nach dem Protagonisten. Man sah darin ein selbstquälerische Selbstporträt, aber der Witz der Handlung dieses Gegenwartsromans war eines Kafkas würdig. Danach folgten binnen einem Jahrzehnt noch „Nenn die Nacht nicht Nacht“ und „Allein das Meer“, und mit dieser Trias reüssierte Oz rund um die Welt.

          Er blieb ein hellwacher Beobachter, ein streitbarer Intellektueller und ein brillanter Schriftsteller bis zuletzt. Das lässt hoffen, dass der vor vier Jahren erschienene „Judas“ nicht sein letztpublizierter Roman bleiben wird. An diesem Freitag ist Amos Oz im Alter von neunundsiebzig Jahren in Jerusalem gestorben.

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