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Liao Yiwu in Berlin : Dichten verboten

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Liao Yiwu Bild: dpa

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu ist ins deutsche Exil geflüchtet. Doch auch in Berlin will ihm China noch das Dichten verbieten. Sein neuer Roman erzählt von der skrupellosen Ignoranz des Regimes.

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          Frappierend, wie sich diktatorische Maßnahmen der Gängelung gleichen: China schaut sich am System der DDR-Diktatur ab, wie sich Wirtschaftsbeziehungen zu westlichen Demokratien mit drakonischen Maßnahmen gegen das Volk verbinden lassen. Das neueste Opfer in der doppelmoralischen Wende des Regimes ist der Schriftsteller Liao Yiwu: Seine Erfahrungsberichte aus chinesischen Gefängnissen sind Chroniken der Brutalität – Aufzeichnungen, die bezeugen, mit wie viel Gewalt in Chinas Haftanstalten gegen kritische Stimmen vorgegangen wird. Jetzt versucht Pekings Politbüro mit allen Mitteln, die Veröffentlichung der Aufzeichnungen zu verhindern und Liao Yiwu das Schreibrecht zu entziehen.

          Als der Autor im Mai ein Ausreisegesuch stellte, um vor den Gängelungen ins deutsche Exil zu flüchten, war es der perfiden Logik der Intoleranz geschuldet, dass die Ausreise nur unter der Bedingung genehmigt wurde, dass der Autor im Ausland keine Zeile mehr publiziert. Seine Auftritte auf dem Literaturfestival in Köln und seine geplante Teilname am PEN-Kongress 2011 in New York haben Chinas Behörden erzürnt. Es ist die panische Furcht davor, dass die Schandtaten der Regierung, die mit viel Aufwand unter Verschluss gehalten werden, ins Bewusstsein der Öffentlichkeit dringen.

          Ein Leben in Ungewissheit

          Liao Yiwu hat der absurden Bedingung zugestimmt – mit der Folge, dass der S. Fischer Verlag die Veröffentlichung seiner schockierenden Gefängnismemoiren „Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“ immer wieder verschoben hat. Jetzt hat der Schriftsteller, der vergangene Woche unbeschadet in Berlin eingetroffen ist, der Presse erklärt, dass er sich an die Vereinbarung nicht halten will. Er möchte das Buch, wie geplant, am 21. Juli publizieren. Das könnte jedoch bedeuten, dass Liao Yiwu künftig nicht mehr nach China einreisen darf. Ab 2012 garantiert ihm ein DAAD-Stipendium den sicheren Aufenthalt in Deutschland.

          Für Liao Yiwu beginnt jetzt ein Leben in Ungewissheit. Der deutschen Leserschaft wiederum könnte die Lektüre ein weiteres Mal vor Augen führen, mit welcher Drastik jene Menschen, die in China die Wahrheit aussprechen wollen, bestraft, gepeinigt und gefoltert werden – es ist eine Politik der skrupellosen Ignoranz gegenüber dem Individuum. Liao Yiwu wurde 1989 inhaftiert, als er ein Gedicht über das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens publizierte.

          Ein Geschenk für die Kanzlerin

          Das war Anstoß genug, um ihn für vier Jahre ins Gefängnis zu sperren. Eingepfercht in kleinen Zellen, hätten dort Bedingungen wie im Stall geherrscht, berichtete der Regimekritiker später. Er musste sich nackt ausziehen und mehrfach rektalen Kontrollen unterziehen. Weil er resistent und aufmüpfig war, kam es immer wieder zu Schikanen und Folterungen. Das Verhalten der Wärter, die Schläge und die klimatisch schlechten Bedingungen waren so unerträglich, dass er zwei Mal versuchte, sich das Leben zu nehmen. Doch auch nach der Freilassung verbesserte sich die Situation nicht: Weil Mitarbeiter des chinesischen Geheimdienstes immer wieder Hausdurchsuchungen anordneten und Manuskripte in Beschlag nahmen, wäre die Arbeit an den Berichten beinahe zum Erliegen gekommen. Liao Yiwu konnten jedoch auch diese Einschüchterungen am Schreiben nicht hindern.

          Der 1958 geborene Schriftsteller nennt sein Land immer noch die „größte Diktatur der Welt“. Als Kanzlerin Merkel den deutschen Botschafter zu Liao Yiwu schickte, um über seine heikle Lage zu sprechen, warnte er vor den taktischen Spielchen der chinesischen Behörden. Er hoffte damals auf die Hilfe der deutschen Politik und erwartete eine Wende in der Beziehung zu China – gerade von Kanzlerin Merkel, die eine ostdeutsche Vergangenheit hat. Deshalb drückte er dem Botschafter eine raubkopierte Version des Films „Das Leben der Anderen“ in die Hand. Es sollte ein Geschenk an die Kanzlerin sein und eine Erinnerung an die eigene Geschichte. Irgendwann ist auch die DDR zu Fall gegangen. Wann wird es China so ergehen?

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