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Leïla Slimani in Paris : Der Kolonialismus war ein sexuelles Unternehmen

  • -Aktualisiert am

Leïla Slimani Bild: Catherine Hélie / Editions Galli

In einer Buchhandlung in Paris stellt Leïla Slimani den ersten Teil einer Romantrilogie vor: Die Geschichte einer französisch-marokkanischen Familie erzählt von Kolonisatoren und Kolonisierten. Man darf sich darauf freuen.

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          Die Segregation in Marokko sei ein häufig vergessenes Kapitel der französischen Geschichte, sagte Leïla Slimani bei der Vorstellung ihres neuen Romans „Le pays des autres“ in Paris. Wenn man ihr zuhörte an diesem Abend, zu dem trotz Viruswarnung so viele Leser gekommen waren, dass es stickig wurde in der Buchhandlung an der Place de Clichy, entfaltete sich eine Sogwirkung. Es sei ihr „auch darum gegangen, das gemeinsame Schicksal von Frauen und Kolonisierten darzustellen“, so Slimani, in einem dieser Sätze, die sie ausspricht wie jemand, der ein Ziel vor sich sieht: melodiös, schnell, präzise, ohne Pausen. Sätze wie diesen hier: „Der Kolonialismus war nicht nur ein ökonomisches und politisches Unternehmen, sondern auch ein sexuelles.“

          „Das Land der anderen“ – so wäre der Titel von Slimanis Romantrilogie zu übersetzen – führt die damit verknüpften Realitäten eindrucksvoll vor. Der erste Band ist dieser Tage in Frankreich erschienen. Seit ihrem Prix Goncourt hat sich für die in Marokko geborene Autorin viel verändert: Sie zählt nun zu den wichtigsten und meistgelesenen Autoren Frankreichs. „Chanson douce“ (deutsch „Dann schlaf auch Du“) hat sich allein in der französischen Fassung mehr als eine Million Mal verkauft und ist prominent verfilmt worden. Auch die Politik wurde aufmerksam: Slimani wurde zur offiziellen Botschafterin der Frankophonie ernannt, ihr Wort als öffentliche Intellektuelle hat Gewicht. Der 2017 erschienene Interviewband „Sexe et mensonges“ („Sex bzw. Geschlecht und Lügen“), in dem sie mit marokkanischen Frauen über Sexualität spricht, fand weite Beachtung.

          Das gesellschaftliche Klima der Scham

          „Le pays des autres“ schreibt sich dieser Linie ein. Spielten die vorigen Romane in Paris und wiesen ein reduziertes Figurenensemble auf, wagt sich Slimani nun an einen Stoff, der epische Breite verlangt: Eine Familiensaga, die die marokkanische Geschichte in drei Abschnitten von jeweils zehn Jahren (1945 bis 1955, 1969 bis 1979 sowie 2005 bis 2015) erfasst. Der erste Band ist ein voller Erfolg, nicht nur im Buchhandel. Er erzählt von Mathilde und Amine, einer Elsässerin und einem marokkanischen Offizier, die kurz nach dem Krieg heiraten und sich in der Nähe von Meknès niederlassen. Ihre Geschichte orientiert sich an der Biographie von Slimanis Großeltern. Im Land der anderen leben beide: Nicht nur die Französin, die sich bald damit abfinden muss, dass viele der ihr absurd erscheinenden Regeln hier für Männer und Frauen in unterschiedlicher Weise gelten. Auch Amine, der von den Besatzern „Mohammed“ genannt oder herablassend geduzt wird. Welchen Druck dies auf eine Ehe ausübt, und was es für eine Familie bedeutet, in einer revolutionären Situation keinem der beiden Lager anzugehören: Slimani schildert es auf eine Weise, dass man das Buch kaum mehr aus der Hand legen will.

          Das liegt wohl auch an der Form dieses Romans, an der Vielzahl einfühlsamer und subtil arrangierter Innensichten. Etwa dieser hier: Amine, der im Zweiten Weltkrieg in der französischen Armee gekämpft hat, geht im europäischen Viertel von Meknès spazieren. Er hält sich für einigermaßen liberal, wirft einen interessierten Blick auf die Unterwäsche, die in den Vitrinen ausgestellt ist. Doch als er im Schaufenster eines Fotografen ein Bild entdeckt, das seine Schwester Selma zeigt, Arm in Arm mit ihrem französischen Liebhaber, kippt die Offenheit in Abwehr. Wäre dies der Roman einer weniger reifen Schriftstellerin: Wir würden von außen auf die Szene blicken. Hier erleben wir den Moment aus Amines Sicht, in seiner ganzen verstörenden Kraft: Wir erfahren, wie es sich anfühlt, wenn der Ärger sich schlagartig ausbreitet, wenn Scham und Angst den Körper durchfahren, als bekäme man einen Schlag in den Bauch versetzt. Wie Amines ohnehin schon wacklige Männlichkeit ins Schwanken gerät: Als sei seine Schwester nackt ausgestellt, vor den Augen der Passanten, und er müsste sie mit seinem Körper vor deren Blicken schützen.

          In verdichteter Form enthält die Szene alles, wovon dieser große Roman erzählt. Die Machtverhältnisse zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten, das Freiheitsbedürfnis einer jungen Frau, deren Körper der Kontrolle älterer Männer untersteht, die städtebauliche Segregation. Und das gesellschaftliche Klima der Scham in einem Marokko, das zu Beginn der fünfziger Jahre zwischen Tradition und westlicher Moderne schwebt, kurz vor der Unabhängigkeit. Dass der Roman dennoch nie zur politischen Lektion wird, liegt am Reichtum seiner Perspektiven. In ihnen wird die jeweils andere in ihren Verkürzungen sichtbar. Und so dürften die meisten Leser an diesem Abend trotz allem mit einem hoffnungsvollen Gefühl nach Hause gegangen sein: Gegen die statische Spielart nationaler oder identitätspolitischer Abgrenzung setzt Slimani die einfühlende Kunst des Romans. Der erste Band ihrer Trilogie soll im Frühjahr 2021 bei Luchterhand auf Deutsch erscheinen. Man darf sich freuen.

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