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Laudatio auf Bodo Kirchhoff : Wir sind doch alle Gefühlstiere

Bodo Kirchhoff bei der Verleihung der Goethe-Plakette mit dem Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann Bild: Frank Röth

Er ist ein Klassiker unserer Gegenwart, das Gegenteil eines zappelnden Stadtneurotikers, ein scharf konzentrierter Beobachter der Wirklichkeit: Zur Verleihung der Goethe-Plakette an Bodo Kirchhoff.

          Die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt wird, so habe ich es gelesen, verliehen an „Dichter, Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler und andere Persönlichkeiten des kulturellen Lebens, die durch ihr schöpferisches Wirken einer dem Andenken Goethes gewidmeten Ehrung würdig sind“. Natürlich ist Bodo Kirchhoff dieser „dem Andenken Goethes gewidmeten Ehrung“ würdig. Nein, nicht als ein Dichterfürst. Er ist es als ein bedeutender Schriftsteller unseres Landes und weit über dessen Grenzen hinaus. Er ist ein Klassiker unserer Gegenwart. Und gewiss hat er seinen Teil zu einer „Wahlverwandtschaft“ mit Goethe zu sagen. So viel ist jedenfalls sicher: Gerade in den „Wahlverwandtschaften“, diesem Meisterstück Goethes, lassen sich Parallelen zu Kirchhoffs Werk erkennen – in der atemraubenden Textur, im fragilen Zauber eines Gewebes aus hin- und hergerissenem Verlangen und Verwirrung der Geschlechter.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Was nun Frankfurt angeht, so lebt Bodo Kirchhoff seit mehr als 45 Jahren in dieser Stadt. Und plötzlich sah ich lauter Stellen aus seinen Büchern vor mir, in denen Frankfurt eine Rolle spielt. Diese Passagen brauchten hier nur zitiert zu werden, und fertig wäre eine Lobrede auf einen, der die Atmosphäre dieser eigenwilligen komplizierten Urbanität in Worte gefasst hat wie kaum ein anderer. Kalt, klar und dabei voller Einfühlung. Kirchhoff ist das Gegenteil eines zappelnden Stadtneurotikers, er ist ein scharf konzentrierter Beobachter der Wirklichkeit, seit Jahrzehnten.

          Stadt der Mutter

          In seinem großen Erzählwerk „Dämmer und Aufruhr“, das er in seinem siebzigsten Lebensjahr den „Roman der frühen Jahre“ genannt hat, geht der Ich-Erzähler, er ist 13 Jahre alt, beinah in der Mitte des Buchs, Richtung Westend. Genauer, er geht quer durch das Bahnhofsviertel in die dagegen eher friedvolle Gegend, wo seine Mutter wohnt:

          Frankfurt im Oktober 61, ein knapp Halbwüchsiger geht am Main entlang, er trägt eine Wildlederjacke seiner Mutter, dazu auch ein Halstuch von ihr mit den Spuren eines Parfums, sogar den Namen weiß er, Chanel No 5.

          In „Dämmer und Aufruhr“ wird Frankfurt zur Stadt der Mutter, und der Weg zu ihrer Wohnung in der Savignystraße 20, gegenüber der Kirche St. Antonius, ist nur ein Katzensprung zwischen zwei Welten. Denn der Weg zur Mutter führt vorbei an den Frauen, die dem Heranwachsenden ihre Leiber feilbieten. Ihm, der schon damals so viel mehr erfahren hat über seinen Körper und den Körper eines anderen, über Begehren und Berührung, als er selbst eigentlich verkraften kann. Mit der weichen Jacke und dem Duft der Mutter ist der Junge in ein Fluidum gehüllt – ja, wir denken an Marcel Prousts Gebäck -, dem früheste Erinnerungen entströmen. Gehen wir also ein Stück Wegs hin zur Mutter, an den Ursprung von Kirchhoffs Schreiben, zur Matrix seiner Meisterschaft.

          Die Grenzen des Statthaften überschreitende Nähe

          Ganz am Anfang von „Dämmer und Aufruhr“ steht eine zutiefst verwirrende Szene, in der die schöne junge Mutter – selbst, scheinbar wenigstens, dämmernd – den kleinen Sohn zu ihrem „Galan“ werden lässt, in einer die Grenzen des Statthaften überschreitenden, erotischen Nähe. Da ist er noch buchstäblich ein „Infant“, der Sprache nicht wirklich mächtig. Ein Bleistift, ein Schreibgerät spielt eine, schon nicht mehr unschuldige Rolle. Und der Sohn schreibt darüber später auf:

          „Der Unschuldsschlummer meiner frühen Jahre endete in diesen Mittagsdämmerstunden der Jahre, an die es nur verwischte Erinnerungen gibt, Bilder von sprachloser Wahrheit, die, in Worte gefasst eine Brücke zum Wahrscheinlichen bilden: Ja, wahrscheinlich ist es so gewesen, alle Bilder sprechen dafür.“

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