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Ohnmacht des Schriftstellers : Ich suche etwas, von dem ich nur weiß, dass es mir fehlt

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Drawert über Dresden: „Ich war für ein halbes Jahr in Dresden und konnte nicht in Dresden sein, ohne die Erinnerungsbilder meiner Jugend zu sehen.“ Bild: Picture-Alliance

Haben Literatur und Pandemie-Gegenwart Einfluss aufeinander? Und warum fällt es Autoren so schwer, einen Roman zu den Fragen der Gegenwart zu schreiben? Schriftsteller Kurt Drawert über „Dresden. Die zweite Zeit“.

          9 Min.

          Ein dunkler Schleier liegt über den Tagen, die kostbarer dadurch werden, dass nichts mehr selbstverständlich an ihnen ist. In jeder Stunde kann sich die Welt in eine andere Richtung bewegen, können die Gewissheiten hinfällig sein. Der archimedische Punkt: eine fixe Illusion. Schon lange nicht mehr in der jüngeren Geschichte hat es so viel Nichtwissen, Unberechenbarkeit und Verwundbarkeit gegeben, hat die moderne Gesellschaft so viel Kontingenz und Risse im kulturellen Gewebe produziert, haben die Prognosen und steilen Kurven nach oben, von denen man annehmen wollte, sie endeten in ihrer Logik der Steigerung nie, einen solchen Abbruch und Niedergang erlebt. Und das durch eine Paradoxie: dass es seit Beginn diesen Jahres ein Virus gibt, Sars-CoV-2 genannt, das die gesamte Menschheit in Schach hält und selbst doch nur ein Parasit ist, der einen Wirt braucht.

          Von Heiner Müller stammt das Bonmot, dass es die Viren sind, die uns beherrschen, und wir deren Kneipe sind, oder, wer es vornehmer mag, ihr Restaurant. Dass unsere Spezies die Erde beherrscht: eine Einbildung. Wir besiedeln sie nur, nutzen, oder richtiger noch, beuten sie aus, formen sie nach einem Wunschbild, das den Phantasmen der Unsterblichkeit gleichkommt. In den Mythen können wir lesen, welche Folgen das hat und wie einer endet, der zu hoch hinaus fliegt. Vielleicht gibt es tatsächlich so etwas wie ein erstes wahres Buch und ein erstes großes Wissen, das alles schon antizipiert hat, was über die Jahrtausende hindurch eingetreten ist; und diese archaische Urform tritt wie ein ungebetener Gast aus dem Dunkel der Nacht so plötzlich hervor, dass sie uns Rätsel aufgibt und dunkle Chiffren in die Rechts- und Vertragstexte legt, mit denen wir – zumindest in der westlichen Welt – recht vorteilhaft leben.

          Der bornierte Apotheker als „Netzwerker“

          Die politische, moralische und kulturelle Regression, die wir parallel zu den Früchten der Aufklärung „des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ derzeit zur Kenntnis nehmen müssen, wenn Szenarien einer diffusen Verschwörung das Unerklärliche ersetzen, sie ist der Antitext der Moderne, ihr Dispositiv. Dieser dunklen Seite des Fortschritts haben wir nur bedingt zugestanden, ebenso gesehen und reflektiert zu werden wie jene der Erfolgsbilanzen; wir haben sie verdrängt, wie wir den Tod verdrängen und die Hinfälligkeit und den Abschied von allem zu jeder Zeit. Die Bücher darüber wurden schon immer geschrieben, aber wir lesen sie nicht oder nur ungern und im zähen Widerstand, sie verleugnen zu müssen. Freud würde es Sieg des Lustprinzips nennen, jouissance – idiotisches Genießen – nennt es Lacan.

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