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Kulturhetze in Tunesien : Die Liste der Geächteten

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Verleugnung von Tradition und Kultur: Der Schriftsteller Abdelwahab Meddeb erhebt schwere Vorwürfe gegen die Islamisten in seiner Heimat Bild: Baptiste FENOUIL/REA/laif

Mit Feuer und Blut: Anderthalb Jahre nach dem Ausbruch des Arabischen Frühlings in Tunesien erlebt das Land eine Hetzkampagne und Übergriffe auf Kunst und Kultur.

          In Tunesien greifen die Salafisten die Welt der Kunst und der Kultur an. Der von den angeblich gemäßigten Islamisten kontrollierte Staat wirft jene, die Terror säen, mit den Künstlern in einen Topf und setzt sie mit extremistischen Provokateuren gleich. Wieder einmal zeigt sich die Strategie der Islamistenpartei Ennahda, die das Land regiert: Sie lässt zu, dass die Salafisten ihr Unwesen treiben, und verurteilt anschließend mit gleicher Schärfe den Angreifer wie auch das Opfer. So hoffen die Nahdisten, die auf Säkularisierung und Modernisierung drängenden Kräfte, neutralisieren zu können.

          Vor wenigen Tagen drangen Salafisten nach täglichen Drohungen des Nachts in den Hafsidenpalast El’Ibdelliyya in La Marsa ein, in dem die Frühjahrskunstausstellung stattfindet. Dort zerstörten sie ein Dutzend Bilder, die ihnen missfielen. Mit solchem Vandalismus beweisen sie ihre Barbarei und Ignoranz. Nehmen wir als Beispiel eines der Werke, das als Entweihung empfunden wurde, obwohl es mehr als alle übrigen zum Heiligen gehört, wie wir es verstehen. Es handelt sich um ein Gemälde, das die rituelle Formel „Subhana Allah“ (eine stehende Wendung, die Muslime gebrauchen, um ihre Bewunderung oder ihren Schrecken zum Ausdruck zu bringen: „Allah sei gepriesen“) ins Bildliche übersetzt: in einen Ameisenzug in Buchstabenform. Die Tiere bilden den Buchstaben Aleph, mit dem das Wort „Allah“ beginnt, setzen ihren Weg fort und dringen in den Kopf eines Menschen ein, um dessen Gehirn zu fressen und ihm so die Urteilsfähigkeit zu nehmen. Vielleicht wollte der Künstler auf diese Weise die von den Salafisten geübte Lobotomie symbolisch darstellen.

          Subversive Subjektivität

          Dieses Werk hat eine zweifache Rechtfertigung: im Heiligen der Kunst und im Heiligen des Sufismus. Der Rückgriff auf Ameisen verweist zunächst einmal kunstgeschichtlich auf die Verwendung dieser Tiere in Salvador Dalís Gemälden. Bei dem katalanischen Surrealisten sieht man, wie schwarze Ameisen über die weißen Tasten eines Klaviers laufen. Ihr überraschendes Erscheinen sorgt für einen Wahrnehmungsschock. Der tunesische Künstler überträgt dieses Element, das zum Gedächtnis der Malerei gehört, auf die Situation, die er gegenwärtig in seinem Land erlebt. Dadurch erweist er sich als kosmopolitischer Künstler und stößt die Islamisten vor den Kopf, deren wahnhaftes Identitätsverständnis sich auf eine sterile Autarkie beschränkt.

          Sodann kennt die islamische Tradition eine kühne schöpferische Phantasie, in der die von dem tunesischen Künstler aufgegriffene heilige Formel abgewandelt wird. Aus dem Munde eines der ersten Meister des Sufismus, Abu Yazid Bistami (gestoben 842), kommt das „Subhana Allah“ in veränderter Form, nämlich als „Subhani“: Aus „Gott sei gepriesen“ wird „Ich sei gepriesen“. Die erste Person bemächtigt sich eines Ausdrucks, den der Ritus in der dritten Person konjugiert. Der abwesende Gott wird im Körper des Sprechenden präsent. Solch eine Inkarnation findet ihren theoretischen Ausdruck im „Sha’t“, einem Wort, das zum technischen Wortschatz des Sufismus gehört und mit „inspiriertes Paradoxon“, „theopathische Wendung“, „ekstatischer Ausspruch“, „Vorstoß“ übersetzt wird. Es steht für den dionysischen Überschwang, den ein Mensch in Verzückung oder Ekstase erlebt, wenn er vollkommen vom Absoluten durchdrungen und überwältigt wird.

          Wer „Gott sei gepriesen“ durch „Ich sei gepriesen“ ersetzt, verwandelt eine konventionelle Formel in eine Formulierung von subversiver Subjektivität. Sie bringt die poetische Kraft zum Ausdruck, die der Mystiker dramatisiert, wenn Gott durch ihn spricht. Die Überführung Gottes in die erste Person war mehr als ein Jahrtausend lang Gegenstand der Meditation. Eine gewaltige Literatur in arabischer und persischer Sprache beschäftigt sich mit dieser Subversion, um sie mit Kanon und Dogma in Einklang zu bringen. So paraphiert sie eine der subversiven Formen des Heiligen innerhalb des islamischen Glaubens. Aber gerade dieses Heilige hassen und bekämpfen die Islamisten. Was im Volkssufismus und in der Heiligenverehrung von diesem Heiligen geblieben ist, verdammen die Salafisten, die in Tunesien Grabmäler zerstört haben, auf denen die Trance bildlich dargestellt war.

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