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Elena Ferrante beim „Guardian“ : Undercover-Kolumnistin

Ihre Neapel-Romane haben Elena Ferrante berühmt gemacht: die Stadt in der Abendsonne. Bild: Picture-Alliance

Elena Ferrante schreibt jetzt als Kolumnistin für den „Guardian“. Persönliches von einer nicht persönlich bekannten Person, das ist mal etwas anderes als die inflationäre Selbstausstellung des Internetzeitalters.

          „Bücher brauchen keine Autoren“, hat Elena Ferrante bei einem ihrer schriftlich über Mittelspersonen geführten Interviews wissen lassen, was natürlich Quatsch ist. Denn erstens muss ja irgendjemand – wer weiß, bald vielleicht eine Künstliche Intelligenz – schreiben, was sich als Text selbständig macht, zweitens ist ein halbes Jahrhundert nach dem poststrukturalistisch postulierten „Tod des Autors“ derselbe quicklebendig wie eh und je. Denn was wollen die Leute lesen? Geschichten von Personen, die mehr Profil haben als ein nichtssagender Eierkopf bei Twitter oder die man kennt, weil sie schon dieses andere Buch über Bäume, Kommissar Soundso, Wanderhuren oder die Weltverschwörung verfasst haben.

          Ob hinter der Persona eine Person gleichen Namens steht, ein Kollektiv oder es sich um ein Pseudonym handelt, ist herzlich egal für eine funktionierende Autorfunktion. Hauptsache, Text und Verfasserangabe bilden eine stimmige Einheit: eine Marke. Elena Ferrante ist dafür der beste Beweis. Wäre das Ferrante-Fieber, das sich von Italien nach Amerika ausbreitete und zurück nach Europa kam, ohne das Spannungsmoment denkbar, dass die Verfasserin der neapolitanischen Tetralogie um „Meine geniale Freundin“ partout anonym bleiben will?

          Die Bestsellerautorin war das meistgejagte Phantom der literarischen Welt, bis der Enthüllungsjournalist Claudio Gatti ihre Identität enthüllt haben wollte. Sein vermeintlicher Sensationsfund verpuffte aber, weil die Nichtidentifizierbarkeit der Autorin zum Ferrante-Universum gehört wie in ihren Büchern Lenù zu ihrer verschwundenen Freundin Lila. Dass sie sich nicht zeigt, weil sie nur im Verborgenen frei schreiben könne, macht la Ferrante zum unverwechselbaren Charakter. Und genau das qualifiziert sie bestens dafür, jetzt im runderneuerten Wochenendmagazin des „Guardian“ eine wöchentliche Kolumne zu schreiben.

          Den Auftakt macht ein Text über ihre erste Liebe, es werden Betrachtungen über das Leben, die Kindheit, das Älterwerden, weibliche Erfahrungen und alles mögliche andere folgen, heißt es. „Persönlich“ sollen alle Stücke sein, teilt die Chefredakteurin Melissa Denes mit. Persönliches von einer nicht persönlich bekannten Person, das ist mal etwas anderes als anonyme Attacken oder die inflationäre Selbstausstellung und Selbstkonstruktion, mit der das Internetzeitalter überschwemmt wird. Ein Spiel mit Identität, das dem Gegenüber nicht die eigene Selfie-Personality aufs Auge drückt, sondern Texte. Stimmt schon: Auch Kolumnen brauchen keine Autoren.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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