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Bestseller-Autor John Niven : Koks Macht Geld

Der schottische Autor John Niven Bild: Getty

In dieser Saga geht es um den gierigen, zynischen Popmanager Steven Stelfox: Ein Interview mit dessen Erfinder John Niven, der auch mal fast so war, aber heute lieber Bestseller darüber schreibt.

          Steven Stelfox ist wahrscheinlich einer der zynischsten, vulgärsten und verkommensten Romanhelden, dem man jemals geneigt war, Sympathien zu schenken. Mit „Kill Your Friends“, der Geschichte des rücksichtslosen, feierwütigen britischen Musikmanagers, der in den wilden Neunzigern neben Neid, Hass und Missgunst nur an Geld, Macht, Gewalt und sich selbst glaubte, landete der schottische Autor und frühere Musikmanager John Niven 2008 einen Bestseller, der später auch verfilmt wurde. Mit großer Lust an der Provokation und hartem britischen Humor ließ Niven sein Scheusal Stelfox die Abgründe des Popbusiness ausleuchten. Seitdem hat der Autor mehr als ein halbes Dutzend Romane veröffentlicht, jetzt aber ist sein Held, der im Roman mit 27 Jahren das Musikgeschäft verließ, wieder da.

          Rainer Schmidt

          Verantwortlicher Redakteur Frankfurter Allgemeine Quarterly.

          In „Kill ’Em All“ begegnet Stelfox uns als mittlerweile 47 Jahre alter Multimillionär, der durch TV-Shows reich, aber nicht wirklich reifer geworden ist und nur noch gelegentlich als Musikberater arbeitet. Plötzlich braucht ein alter Plattenbossfreund Hilfe: Dessen letzter größter Popstar, eine Mischung aus Michael Jackson und Elvis, hochverschuldet, medikamentenabhängig und pädophil, weigert sich, auf eine Comebacktournee zu gehen – und wird erpresst. Steven Stelfox soll es richten.

          Ihre Romanfigur verlässt in „Kill Your Friends“ das Musikgeschäft mit Ende zwanzig, Sie haben in der echten Welt mit Mitte dreißig hingeschmissen – warum?

          Wenn du älter wirst in diesem Business, merkst du plötzlich, dass du zentrale Sachen nicht mehr beurteilen kannst, die dir vorher immer sofort instinktiv klar waren – warum diese oder jene Band gut oder schlecht ist. Du brauchst auf einmal Mutmaßungen anderer, suchst nach Hinweisen, sachlichen Gründen. Das ist das Ende. Ich wollte nicht der ältere Kerl in der abgewetzten Lederjacke werden, der bei einem Konzert nicht mehr versteht, was vor ihm auf der Bühne passiert.

          Wann wurde Ihnen das klar?

          Es war bei einem Konzert, ich glaube im Londoner Stadtteil Camden, ich kann mich auch nicht mehr an die Band erinnern, aber da hatte ich auf einmal so einen Moment der Klarheit, in dem ich nicht mehr wusste, was ich da überhaupt noch mache.

          Stelfox sinniert in „Kill ’Em All“ des Öfteren über die vergangenen Exzesszeiten der Neunziger, als es Geld, Drogen und Sex anscheinend im Überfluss gab und niemand Schlaf brauchte. War es wirklich so wild?

          Ja klar, wir waren alle jung, Anfang, Mitte zwanzig, da war es völlig normal, Nächte durchzumachen und danach direkt ins Büro zu gehen. Im Notfall half ein Nickerchen auf dem Sofa im Office. Das funktioniert nicht mehr, wenn du älter wirst. Heute ist es für mich undenkbar. Als Autor kann ich überhaupt nicht mit einem Kater arbeiten. Jetzt fange ich morgens zu einer Zeit an, zu der ich früher oft erst nach Hause gekommen bin.

          Als sogenannter A&R-Manager – das steht für Artist & Repertoire – mussten sie von Berufs wegen zu den Brit Awards, nach Miami zur Winter Music Conference oder nach Texas zum South by Southwest. Klingt eigentlich paradiesisch. War es das?

          Ich habe das rund zehn Jahre mitgemacht, die ersten fünf davon waren phantastisch Wir flogen um die Welt, wenn es sein musste, Geld war kein Problem, permanent wurde schwer gefeiert. Aber irgendwann wird auch das fader, und man überlegt, wo das hinführen soll. Einige entwickeln Alkohol- oder Drogenprobleme, andere kommen damit besser zurecht, aber dieses Leben verliert seinen Reiz.

          Stelfox geht einmal mit einer zwanzig Jahre jüngeren Frau essen und wird sentimental. Früher hätte er sich bei so einer Gelegenheit, darüber denkt er nach, einfach betrunken, vielleicht Kokain geschnupft und dann seinen Schwanz rausgeholt. Sein Fazit: Früher war das Leben einfacher. Ist das Musikbusiness heute tatsächlich zivilisierter geworden? Weniger übergriffig, weniger exzessiv?

          Wenn ich mir die neue Generation anschaue, etwa meinen Sohn, der ist zweiundzwanzig, sieht man, dass die Jungen und Mädchen sich generell mit deutlich mehr Respekt behandeln. Sie wirken auf mich weniger hedonistisch und exzessiv, sie sind deutlich vernünftiger, was Drogen und Alkohol angeht. Früher war im Musikgeschäft auch überall viel mehr Geld da für ein exzessives Leben. Wer regelmäßig Kokain schnupfen will, muss sich das leisten können.

          Steven Stelfox ist nicht nur rücksichtslos, gierig, bösartig und vulgär, er ist diesmal auch ein großer Fan von Trump und freut sich auf den Brexit. Er befeuert Chaos und Hass im Netz durch eigene Bots und amüsiert sich diebisch über die aggressive Stimmung. Diese Charakterisierung als Ekel hat Ihnen offensichtlich wieder viel Spaß gemacht?

          Es macht als Autor immer Spaß, extreme Charaktere zu entwickeln. Stelfox ist ja unglaublich zynisch und deswegen begeistert von dem grassierenden Populismus. Er findet Trump und den Brexit phantastisch, weil es ihn euphorisch stimmt, dass beide von Leuten unterstützt werden, die darunter am Ende am meisten leiden. Das ist seine Art von Humor. Er erwartet, dass durch diese Politik die Reichen noch reicher werden, was ihn begeistert, weil er diejenigen, die das ermöglichen, alle verachtet. Stelfox fühlt sich unangreifbar, er spielt in einer ganz eigenen Liga, denkt er, für ihn ist das alles bloß Entertainment.

          Stelfox denkt schlecht über alle: Schwule, Arme, Frauen – auch wenn er sich in der Öffentlichkeit um Beherrschung bemüht, weil er bemerkt, dass sich die Zeiten geändert haben. Das ist immer wieder auch Quelle für einen harten Humor, aber was ist die Botschaft? Dass sich trotz #MeToo einige nie ändern werden?

          Selbst so ein Charakter wie Steven Stelfox weiß, dass er sich in der Öffentlichkeit jetzt benehmen muss, auch wenn er sich im Grunde seines Herzens nicht geändert hat. Seine zynische Sicht ist: Reiche, mächtige Männer haben sich immer schon das genommen, was sie haben wollen, und sich so benommen, wie sie wollten. Und daran wird sich grundlegend trotz aller Bemühungen nichts ändern, denkt Stelfox, weil die alten Mechanismen wie Macht und Geld weiter funktionieren. Wenn er nach außen einen anderen Anschein pflegen muss, um erfolgreich zu sein, hat er damit auch kein Problem. Im Inneren bleibt er ganz der Alte.

          Verfolgen Sie noch die aktuellen Entwicklungen in der Musikbranche?

          Vor zwei Jahren war ich noch einmal bei den Brit Awards und hatte einen furchtbaren Abend. Das war kein Spaß, ich fühlte mich fehl am Platz. Es ist auch hart, wenn man keine Drogen nimmt, dann trinkt man den ganzen Abend, um elf wäre ich gerne schon ins Bett gegangen. Heute schaue ich mir die Show lieber vom Sofa aus an.

          Schreiben Sie in zehn Jahren einen Roman über Steven Stelfox, wie er mit dem Brexit glücklich wurde?

          Haha, wenn es zu einem No-Deal-Brexit kommt, werde ich wohl eher nach Deutschland auswandern.

          Sie haben in den Neunzigern ausgiebig und hart gefeiert. Steven Stelfox, der neuerdings meist auf Drogen verzichtet, sagt an einer Stelle: „If you have to give up drinking, you’re a fucking loser.“ Nehmen Sie selbst gelegentlich noch einen Drink?

          Ja, auf jeden Fall, ich trinke alles!

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