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Kirsten Boie zum Sechzigsten : Zumuten und Zutrauen

Das Kind als Kind ernstzunehmen, hat sie sich auf die Fahnen geschrieben: Autorin Kirsten Boie Bild: Michael Loewa

Beim ersten Buch hatte ihr Verlag noch von „kuscheligen, warmherzigen Geschichten“ geschwärmt. Rund hundert Bücher später hat Kirsten Boie gezeigt, dass sie auch anders kann. Die wichtigste deutsche Autorin für junge Leser wird sechzig Jahre alt.

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          „Bei anderen Kindern ist alles ganz einfach. Sie wachsen bei einer Frau im Bauch und dann werden sie geboren und die Frau nimmt sie mit nach Hause und die ist dann auch ihre Mutter.“ So beginnt Kirsten Boies erstes Kinderbuch „Paule ist ein Glücksgriff“, 1985 erschienen, und so ähnlich begann auch die große Wende im Leben der Autorin zwei Jahre zuvor. Damals hatte Boie, die mit einer Arbeit über die frühe Prosa Brechts promoviert worden war und als Deutsch- und Englischlehrerin arbeitete, mit ihrem Mann ein erstes Kind adoptiert und zur Auflage bekommen, auch nach dem Erziehungsurlaub zu Hause zu bleiben.

          Die Möglichkeit, einfach als Autorin den Sanktionen des Jugendamts zu entsprechen und dennoch zu arbeiten, lag nahe: Schon ihre eigene Mutter hat Kinderbücher geschrieben. Noch am Tag, als Kirsten Boies erste drei Kapitel mit der Frage, ob der Verlag daran interessiert sei, bei Oetinger eintrafen, wo auch die Bücher Astrid Lindgrens, Paul Maars und Christine Nöstlingers erscheinen, antwortete ihr die Lektorin: Solch „warmherzige, kuschelige Geschichten“ kämen ihr nur ganz selten auf den Tisch.

          Vom schwierigen Erwachsenwerden

          Falls das als Prognose gemeint war, entpuppte sich diese bald als äußerst vorschnell: Es sollten noch zahlreiche Geschichten der Autorin auf den Lektorinnentisch kommen, die Kinder und Jugendliche auch weit jenseits von Warmherzigkeit und Kuscheligkeit mit Themen bewegen wie Integration und Anderssein, das Zerbrechen und neue Zusammenwachsen von Familien, Depression, Diskriminierung, Obdachlosigkeit, Gewalt gegen Kinder und unter Kindern. Gut hundert Bücher hat Kirsten Boie in fünfundzwanzig Jahren veröffentlicht: von Abenteuern für Erstleser und den Erlebnissen einer Reihenhäuserrasselbande, dem Werdegang eines Nachwuchsritters oder dem einer Piratendeern, die sich, Dunnerlittchen, als waschechte Prinzessin entpuppt, bis zu den Romanen „Monis Jahr“, der zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Hamburg, oder „Alhambra“, der im Spanien der Inquisitionszeit spielt.

          Gute Bücher für junge Leser, so hat es Kirsten Boie einmal selbst postuliert, „nehmen Kinder als Kinder ernst, und das heißt, sie berücksichtigen an jedem Punkt, was sie ihren Lesern zumuten und zutrauen können“. Hierzulande erfüllt niemand diesen Anspruch besser als sie selbst mit ihrem vielfach ausgezeichneten Vermögen, den unterschiedlichen Lesealtern entsprechend mit Wortwahl, Wortwitz, Tonlage und Rhythmus zu arbeiten. Im Jahr 2007 erhielt sie den Sonderpreis zum Deutschen Jugendliteraturpreis für ihr Lebenswerk.

          Das freilich ist alles andere als abgeschlossen: Erst in diesem Frühjahr ist neben zwei weiteren Titeln ein neuer großer Roman aus der Nachkriegsgeschichte ihrer Heimatstadt erschienen. „Ringel, Rangel, Rosen“ erzählt von der katastrophalen Sturmflut in Hamburg im Jahr 1962 und vom schwierigen Erwachsenwerden eines verträumten Mädchens. Heute wird Kirsten Boie sechzig Jahre alt.

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