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Ken Follett hält Hof : Wendepunkt auf Seite sechs

Kein Supermodel arbeitet härter

Der Ort schreit danach, in Bildern festgehalten zu werden. Man hat einen Dreiundachtzigjährigen aufgetrieben, der erzählt, wie er als Kind Erschießungen erlebte. „Hier“, sagt Ken Follett und drückt sich an eine halb zerfallene Wand. „Diese Straße mussten die Republikaner passieren, um die Kirche dort drüben einzunehmen. Um näher heranzukommen, gruben sie sich von Haus zu Haus, eine Wand nach der anderen. Aber irgendwann mussten sie ins Freie und boten dem Feind ein perfektes Ziel.“

Während er spricht, folgen ihm Kamerateams, bitten darum, dass er nach vorn zeigt, einen Weg abschreitet oder dichtergemäß sinnend in die Ferne schaut, und wenn man das einen Tag lang erlebt, weiß man zumindest eines: Kein Supermodel arbeitet härter für den Erfolg als Ken Follett.

Jetzt gehen wir dorthin, woher in seinem Roman das Feuer kommt. Weiter drüben mündet die Gasse in einen Platz, und auf der anderen Seite des Platzes liegt die Kirche San Agustín. Dort hatten sich Francos Nationalisten eine komfortable Verteidigungsstellung geschaffen, von oben schossen sie auf alles, was sich bewegte.

Die dramatische Szene, die Ken Follett in „Winter der Welt“ beschreibt, endet in einem Gemetzel. Natürlich ist sie in der konkreten Schilderung erfunden, doch so ähnlich dürfte das militärische Desaster der Linken an der Aragonien-Front verlaufen sein. Statt Saragossa einzunehmen, ließen sich die Republikaner trotz zehnfacher Übermacht in Dörfern wie Belchite aufreiben.

Bei Follett sterben im Kugelhagel dreißig Mann, die anderen schaffen es gerade noch zurück zur eigenen Stellung. Dort werden die unverletzt Überlebenden von einem sowjetischen General als Deserteure erschossen.

Es sind diese Konflikte, die Ken Follett anziehen. Dass ein junger Engländer aus Idealismus nach Spanien reist, um sich den Internationalen Brigaden anzuschließen, und völlig entzaubert wieder nach Hause fährt. Dass der Krieg in Spanien von verheerenden strategischen Fehlern lebte. Dass die stalinistische Linke ihren Terror mit Morden an den eigenen Leuten begann.

Am Nachmittag fahren wir an die erhaltene Frontlinie in die Sierra von Alcubierre, wo George Orwell gekämpft hat. Follett sieht sich zwar als Unterhalter, aber ein bisschen will er auch Aufklärer sein. Er beugt sich über Sandsäcke und späht durch die Schießscharte in imaginäres Feindesland. Klick!, machen die Kameras.

Hier geht es um das Ganze

Das Spanien-Kapitel seines neuen Buches ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem großen Panorama der Weltpolitik, das Follett mit seiner „Jahrhundert“-Trilogie zu malen versucht. „Sturz der Titanen“ (2010) erzählte auf mehr als tausend Seiten Schicksale aus fünf Ländern in der Zeit bis nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. „Winter der Welt“ führt die Generationen-Saga bis ins Jahr 1949 fort, oft mit den Kindern der Hauptfiguren des ersten Bandes. Und der dritte Teil, an dem Follett gerade sitzt, „Edge of Eternity“, soll bis zum Fall der Berliner Mauer reichen.

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