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Kempowskis Tagebücher : Welcher Autor würde sich so etwas heute trauen?

  • -Aktualisiert am

Walter Kempowski im August 2006 in seinem Wohnhaus bei Bremen Bild: Helmut Fricke

Der Schriftsteller Walter Kempowski steht unter Bürgerlichkeitsverdacht. Dabei offenbaren seine Tagebücher den Wunsch nach Amoral, nach Untergang in Chaos, Gewalt, Wollust und Tod.

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          Der Jahrhundertsommer 1983, einer der wenigen, die diese Bezeichnung vollauf verdienen, kam erst auf Touren, da wusste Walter Kempowski schon, dass dieser der glücklichste seines Lebens sein würde. Seine Ehefrau Hildegard war allein nach Frankreich gefahren; somit hatte er in Haus Kreienhoop sturmfreie Bude, lud sich erst einen Inder und dann junge, der Halbwüchsigkeit knapp entwachsene Frauen ein, um sich von ihnen den Haushalt führen und sich vor allem erotisch, sagen wir: anregen zu lassen für seinen besten Roman „Hundstage“, der, von der Kritik kempowskitypisch auch nicht annähernd angemessen gewürdigt, 1988 erschien und der auf den unter dem Titel „Sirius“ nachzulesenden Tagebuchaufzeichnungen aus jenem Sommer fußt.

          Aus beiden Büchern kann man lernen, was geistige Kühnheit ist. Am 16. Juni, den Joyce-Kenner als Bloomsday feiern und dem Kempowski später seinen leider recht flach kulturpessimistischen Fernsehmarathon „Bloomsday 97“ entgegensetzen sollte, sieht er sich abends einen nicht näher spezifizierten „alten Polanski-Film“ an und greift sich, dem grauenhaften Schicksal der Regisseurs-Ehefrau offensichtlich noch nachhängend, für die Nachtlektüre den 1972 erstmals erschienenen Rowohlt-Band „The Family – Die Geschichte von Charles Manson“ von Ed Sanders. Er notiert: „Eine wüste Sache. Eindrucksvoll: Sharon Tate liegt im Bett und sagt zu dem Mörder, der durch ihr Zimmer geht, ,Hallo‘. Unvergessliche Physiognomien: Manson mit den stechenden Augen und die schöne Susan Atkins, die ihren Opfern die Kehle durchschnitt.“

          Allerdings eine wüste Sache. Die Morde der Manson Family im August 1969 offenbarten die Tod- und Verderben bringende Seite der seit dem Woodstock-Festival in den Mainstream vordringenden Hippie-Generation und -Kultur. Aber, und nun kommt es, an zeitgeschichtlichen Diagnosen, wie sie jubiläumshalber gerade erst wieder gestellt wurden, war dieser Tagebuchschreiber nicht interessiert: „Ich spüre ein merkwürdiges Verlangen, zu so einer ,Family‘ zu gehören, dieses Vegetieren in einer verfallenen Ranch.“ Wirklich sehr merkwürdig, dieses Verlangen, erst recht bei einem so komplett wie irrigerweise unter Bürgerlichkeitsverdacht stehenden Schriftsteller.

          Das Tagebuch und der spätere Roman sind voll von sadistischen, irgendwo heißt es noch altmodisch: „abartigen“ Phantasien. Der Wunsch nach vollständiger Amoral, einem Sichgehenlassen, nach Untergang in Chaos, Gewalt, Wollust und Tod muss in jenem Sommer besonders stark gewesen sein in Kempowski. Welcher Autor würde sich so etwas heute trauen? Im fiktionalen Rahmen mag es gerade noch angehen, aber im schon zu Lebzeiten veröffentlichten Tagebuch erscheint dies vollends mutig. Goethes immer so betulich herumgereichte Behauptung, er habe noch von keinem Verbrechen gehört, das er nicht auch hätte begehen können, erfährt hier, endlich einmal, eine weiß Gott wüste Probe aufs ungeschützt phantasierte Exempel.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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