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Kempowski-Tagung in Rostock : Er streute keinen Betulichkeitszucker

  • -Aktualisiert am

Walter Kempowski 2006 in seinem Wohnhaus bei Bremen Bild: Helmut Fricke

Zeit für ruhigere Betrachtungen: Eine Rostocker Tagung widmet sich Werk und Wirkung Walter Kempowskis. Der Schriftsteller und diskursive Denker wäre heute 90 Jahre alt geworden.

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          Im Jahr 1989 machte sich der Schriftsteller Walter Kempowski in einer Tagebuchnotiz über seinen eigenen, noch immer ungestillten Geltungsdrang lustig: „Erst wenn die Straßen unserer Städte voll Menschen sind, die im Gehen Kempowski lesen, haben wir es geschafft.“ In den Jahren, die ihm bis zu seinem Tod im Jahre 2007 noch blieben, wuchs sein Ruhm beständig, und auch um seinen Nachruhm scheint es gut bestellt zu sein.

          Aus Anlass von Kempowskis neunzigstem Geburtstag am heutigen Montag begleitete ein zweitägiges Symposion in der University of Applied Sciences Europe in Hamburg eine Kempowskis unvollendetem Projekt „Ortslinien“ gewidmete Ausstellung im Altonaer Museum; im Altonaer Theater wurden unter der Regie von Axel Schneider Bühnenfassungen von vier Romanen aus Kempowskis „Deutscher Chronik“ aufgeführt, und in der Aula der Universität seiner Heimatstadt Rostock fanden von Freitag bis Sonntag die „Kempowski-Tage“ statt: eine dichte Folge von Vorträgen zu seinem Werk und dessen Wirkungsgeschichte.

          Das hätte Kempowski gefallen. „Ich möchte Archiv werden“, soll er als Kind gesagt haben, und unter diesem Motto standen dann auch die Rostocker „Kempowski-Tage“. In seiner Eröffnungsrede ging Jan Philipp Reemtsma auf ein Missverständnis ein, das viele Jahre lang den Blick auf das Abgründige in Kempowskis Romanen über das Familienleben vom Kaiserreich bis zur Ära Adenauer verstellt hatte. Ihr hoher Unterhaltungswert erregte den Verdacht, dass ihr Verfasser ein Nostalgiker sei. Das „Pläsierliche“ seiner Prosa warf ihm im höheren Alter sogar sein einstiger Lektor Fritz J. Raddatz vor, ohne dessen unermüdliche Hilfe und Ermunterung nicht einmal Kempowskis Debütwerk „Im Block“ erschienen wäre.

          Acht Jahre im Zuchthaus

          Dagegen wandte Reemtsma ein, dass Kempowskis Romanfiguren es sich nur selbst „pläsierlich machen“ wollten, was ihnen jedoch gründlich misslinge. Kempowski streue keinen „Betulichkeitszucker“ aus, sondern er sei der Chronist des Untergangs der bürgerlichen Welt. Markus Schenzle (Heidelberg) setzte sich mit der nun auch schon wieder zehn Jahre alten These eines Kritikers auseinander, Kempowski habe „den Zivilisationsbruch unter den Teppich kehren“ wollen, als er „Das Echolot“ veröffentlichte, eine vielbändige Collage aus Stimmen von Zeitzeugen aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Man müsse blind sein, sagte Schenzle, wenn man so etwas behaupte, doch er räumte ein, dass auch dieses Werk, so wie jede Geschichtsschreibung, auf schwankendem Boden stehe. Mit dem „Echolot“ habe Kempowski sich auf eine „Gratwanderung“ begeben.

          Die Zeiten, in denen Kempowski seine Leser so stark polarisierte, dass es zwischen seinen Bewunderern und seinen Verächtern keinen Platz für eine ruhigere Betrachtungsweise gab, scheinen vorüber zu sein. In Rostock ging es in zahlreichen Vorträgen gänzlich unaufgeregt um Kempowskis diskursives Denken, seinen weithin unbekannten, mit historischem Kriegsspielzeug in Szene gesetzten Experimentalfilm „Wer will unter die Soldaten...“, die Funktion der Personennamen in dem Roman „Aus großer Zeit“, Kempowskis Musikarchiv, die auf Tonband aufgenommenen Interviews mit seiner Mutter, die ihm als Quelle für seine autobiographischen Romane dienten, und immer wieder um die Frage der Schuld als Antrieb für Kempowskis literarische Lebensleistung.

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