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Im Gespräch: Kazuo Ishiguro : Belügen Sie sich selbst, Mister Ishiguro?

  • -Aktualisiert am

Kazuo Ishiguro 2005 in einer Londoner Buchhandlung Bild: AFP

Kazuo Ishiguro hat in einer benachbarten Buchhandlung bereits 250 Exemplare seines neuen Buches signiert, als er das Café Richoux an der Londoner Straße Piccadilly betritt. Er wirkt auf den ersten Blick ein wenig zartbitter, schmilzt im Gespräch aber freundlich dahin.

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          Mister Ishiguro, was meinen wir, wenn wir sagen, jemand habe ein "gutes Leben"?

          Diese Frage könnte von Sokrates stammen. Handeln nicht die frühen Dialoge Platons von der Schwierigkeit, ein "gutes Leben" zu definieren?

          Wie würden Sie es definieren?

          In mehreren meiner Romane, insbesondere in früheren, gibt es Figuren, die zu einem bestimmten Zeitpunkt meinen zu wissen, was ein gutes oder schlechtes Leben ist und was die Prioritäten des Lebens sind. Normalerweise geschieht dann aber etwas, das diese Gewissheit ins Wanken bringt. Die Zeitläufte mischen sich zum Beispiel ein, oder die Figur wird älter und erkennt, dass sie ihr Leben auf falschen Werten oder Idealen aufgebaut hat. So wie der Butler Stevens in meinem Roman "Was vom Tage übrigblieb", der seine Werte aus dem jeweiligen ideologischen Klima bezieht, das ihn umgibt. Nicht selten erweisten sich das Übernommene jedoch als falsch oder gefährlich, und ich habe in einigen meiner Romane zu zeigen versucht, wie schwer es ist, von seinen Idealen abzulassen und über das vorherrschende Klima hinauszublicken. Statt zu definieren, was ein gutes Leben ausmacht, habe ich eher zu beschreiben versucht, wie schwierig es ist, ein solches zu führen.

          Auch einige Figuren Ihres neuen Buchs, "Bei Anbruch der Nacht", machen sich Illusionen über ihr Leben.

          Der Unterschied ist allerdings, dass die meisten dieser Figuren sehr viel jünger sind als die Protagonisten früherer Bücher und nicht erst im Rückblick erkennen müssen, dass sie ihr Leben an die falschen Ideale vergeudet haben: Die fünf Erzählungen zeigen ihre Figuren oft in eben jenem Augenblick, in dem sie aufwachen und anfangen, ihre Träume oder die Identitäten, die sie in jüngeren Jahren für sich konstruiert haben, in Frage zu stellen, um dann in der Realität überleben zu können. Es handelt sich um den Moment, in dem man sich fragt: Ist alles bloß Illusion?

          Ist es überhaupt erstrebenswert, die Wahrheit über sich selbst zu kennen?

          Um sich zu schützen, ist ein gewisses Maß an Selbsttäuschung nützlich. Insbesondere, wenn man am Ende seines Lebens zurückblickt, neigen viele dazu, ihre Abwehrmechanismen zu mobilisieren. Man tut sein Bestes, um sich eine gewisse Würde zu bewahren, und selbst, wer sich ein Scheitern eingesteht, wird versuchen, diesem Scheitern einen gewissen Spin zu geben. Es ist schmerzhaft, sich die Wahrheit einzugestehen, es erfordert Mut. Ich habe versucht, in meinen Büchern immer respektvoll mit denjenigen umzugehen, die ihn aufbringen.

          Ist Schreiben ein Weg der Selbsterkenntnis?

          Vielleicht ist das ein unterbewusstes Motiv meiner Arbeit, aber sicherlich nicht in dem Sinne, dass meine Bücher autobiographischen Charakter haben. Auf einer tieferen Ebene muss es aber wohl dennoch so sein, dass ich mich von bestimmten Themen und Problemen angezogen fühle, weil sie für mich persönlich von zentraler Bedeutung sind. Ich bin kein Schriftsteller, der auf eine völlig distanzierte und intellektuelle Weise über etwas schreibt: Es muss immer etwas geben, das mich persönlich anspricht, aber dabei muss es sich nicht notwendigerweise um eine Idee oder einen Gedanken handeln, es geht mir vielmehr auch darum, bestimmte Stimmungen und Gefühle zu erzeugen, mit denen ich etwas verbinde. Es ist fast so, als wäre ich auf der Suche nach einer bestimmten Musik, die ich nirgendwo sonst auf der Welt hören kann und daher selbst erzeugen muss.

          In "Cellisten", einer der Erzählungen Ihres neuen Buchs, ist die selbsterklärte Cellistin Eloise McCormack so darum bemüht, ihre vermeintliche Begabung vor Leuten zu schützen, die sie zerstören könnten, dass sie nie auf ihrem Instrument spielt. Wie schützt man seine Begabung vor den eigenen Illusionen?

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