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Im Gespräch: Kazuo Ishiguro : Belügen Sie sich selbst, Mister Ishiguro?

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Ein Aspekt des Plans, den ich beim Schreiben des Buchs verfolgte, sah vor, dass die fünf Geschichten ungefähr in der Zeit zwischen dem Ende des Kommunismus und dem 11. September 2001 spielten. In dieser sonderbaren Zeit, als viele Leute glaubten, dass alle großen Probleme der Welt gelöst seien und die Celebrity-Kultur entstand, von der wir bis heute besessen sind. Berühmt zu sein spielte plötzlich eine große Rolle, und es reichte nicht mehr, in irgendeiner Sache einfach nur gut zu sein. Berühmt zu sein ist etwas völlig anderes, als den Anspruch zu haben, etwa ein guter Schriftsteller oder ein guter Musiker zu sein. Oft geht beides zusammen, aber inzwischen leben wir in einer Gesellschaft, in der man die Leistung umgehen und auf direktem Weg zum Ruhm vordringen kann. Man kann beispielsweise in einer Talentshow im Fernsehen auftreten und dafür berühmt sein, berühmt werden zu wollen. Ich wollte in den Geschichten von "Bei Anbruch der Nacht" zeigen, dass es innerhalb der Textur der Gesellschaft, in der die Figuren leben, ein beinahe unstillbares Verlangen nach dem Preis gibt, den wir als Ruhm bezeichnen.

Muss man andererseits für seinen Ruhm auch einen Preis zahlen? In "Crooner" opfert Tony Gardner für ein geplantes Comeback seine Ehe. In der Titelgeschichte "Bei Anbruch der Nacht" unterzieht sich ein nach Ansicht seines Managers für die große Karriere zu hässlicher Saxophonist einer Schönheitsoperation.

Wenn man sieht, wie es in unserer Gesellschaft zugeht, kann man nicht daran zweifeln, dass man einige erstrebenswerte Dinge aufgeben muss, um in bestimmten Bereichen erfolgreich zu sein. Einige der prominenteren Positionen, egal, ob man ein führender Politiker, Geschäftsmann oder Künstler ist, machen es schon aus Zeitgründen schwierig, noch ein anständiges Familienleben zu führen. Allein die Tatsache, dass man durch seinen Erfolg höhergestellt ist, isoliert einen in gewisser Weise von normalen Beziehungen und Freundschaften und verlangt einem das Opfer einiger jener Dinge ab, die für andere Menschen unabdingbarer Bestandteil dessen sind, was wir vorhin als "gutes Leben" bezeichnet haben.

Sie sprachen von dem ideologischen Klima, aus dem eine Figur wie der Butler Ihres Romans "Was vom Tage übrigblieb" sein Selbstverständnis ableitet. Ist das in den Massenmedien entworfene Bild einer Celebrity-Kultur die Ideologie unserer Tage?

Ich glaube, dass die Celebrities in unserer globalen Gesellschaft eine wichtige soziale Funktion haben und die gleiche Rolle erfüllen, die in früheren Zeiten jemand einnahm, den im Dorf jeder kannte. Celebrities tragen dazu bei, dass wir uns in unserem globalen Dorf noch als Gemeinschaft erleben. Wir können uns überall auf der Welt über dieselben Leute ärgern, wir können gemeinsam den Tod eines berühmten Menschen beweinen. Die Gefahr - und dieses versuche ich in meinem neuen Buch zu reflektieren - liegt jedoch darin, dass uns in einer Celebrity-Kultur die Wertschätzung jener Welt abhanden kommt, die uns umgibt: dass uns die Celebrity-Kultur glauben macht, dass wir unser Leben zu jedem Zeitpunkt zum Besseren verändern und mühelos ein anderer werden können. Wie destruktiv diese Illusion ist, erzähle ich in meiner Geschichte "Crooner" am Beispiel der Figur des Sängers Tony Gardner, der die Beziehung zu seiner Frau einfach deshalb aufgibt, weil er glaubt, dass sie seiner Karriere im Weg steht.

Welche der Illusionen, die Sie sich über Ihr eigenes Leben machen, möchten Sie nicht zerstört sehen?

In persönlicher Hinsicht möchte ich mir sicherlich den Glauben bewahren, von meiner Frau und meiner Tochter geliebt zu werden.

Das entspricht hoffentlich der Wahrheit.

Ja, ich hoffe, es handelt sich um keine Illusion, obwohl es auch Menschen gibt, die eines Tages nach Hause kommen und einen Zettel finden, auf dem steht: "Ich bin weg." Oder: "Ich habe mich umgebracht und hänge oben im Schrank." Man kann nie wissen. Aber eine Illusion, die ich mir bewahren möchte, ist die Gewissheit, dass ich ewig leben werde. Rational gesehen, weiß ich natürlich, dass ich in vierzig Jahren vermutlich nicht mehr lebe, aber ich kann es nicht wirklich glauben. Ich glaube, dass ich niemals sterbe.

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