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Im Gespräch: Kazuo Ishiguro : Belügen Sie sich selbst, Mister Ishiguro?

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Einige, mit denen ich über das Buch gesprochen habe, waren über diese Figur verärgert und fühlten sich an Leute erinnert, die sie kannten. Das mag sein. Aber kennt nicht jeder von uns einen großen Schriftsteller, der bisher noch keine Zeit gefunden hat, einen Roman zu schreiben? Jemanden, der den Status für sich beansprucht, etwas Außergewöhnliches leisten zu können, ohne dies jemals zu tun? Die psychologische Strategie, etwas aufzuschieben, weil angeblich die Umstände nicht stimmen oder man angeblich eine Verantwortung für sein Talent verspürt, die einen vorerst noch davon abhält, sich darin zu üben, dient nicht wenigen Leuten als Ausrede von erstaunlicher Überzeugungskraft. Selbst, wenn die meisten vielleicht nicht so verwegen sind und wie Eloise behaupten, eine große Cello-Virtuosin zu sein, ist die Vorstellung, eine besondere Sensibilität zu haben, eine künstlerische Ader, ziemlich verbreitet. Es spielt offenbar keine Rolle, ob man seine Begabung auslebt, solange man auf diese Weise einen besonderen inneren Wert bezeichnen kann.

Der junge Musiker, der in "Cellisten" Eloises Talent anzweifelt, empört sich über das Selbstbild der Frau mit den Worten: "Wir anderen, Miss Eloise, wir müssen unseren ganzen Mut zusammennehmen und uns freilegen, wie Sie sagen, ohne je sicher sein zu können, was wir unter den Schichten finden werden. Sie aber machen sich gar nicht erst die Mühe, sich freizulegen." Erfordert es Mut, sein Talent auszuprobieren?

Ich fürchte schon, deshalb verweilen so viele Leute lieber im Land der Möglichkeiten. Es lebt sich dort bequemer und weniger riskant. Als ich Ende der siebziger Jahre den Creative-Writing-Kurs von Malcolm Bradbury und Angela Carter an der University of East Anglia besuchte, merkte ich, dass viele meiner Kommilitonen darunter litten, keine Hausarbeiten schreiben oder andere konkrete Erwartungen erfüllen zu müssen. Sie hatten einfach nur zwölf Monate Zeit, ungestört zu schreiben, und einige von ihnen brachen unter dieser Anforderung zusammen: weil es plötzlich keine Ausreden mehr gab, hinter denen sie sich verstecken konnten. Manche Studenten waren Mitte dreißig und hatten zwanzig Jahre damit verbracht, ihren Freunden zu erzählen, dass sie Schriftsteller seien. Plötzlich mussten sie den Mut aufbringen und herausfinden, ob das stimmte. Ich bewundere die Menschen, die den Mut haben, sich auf diese Weise auszuprobieren und sich ihr Scheitern einzugestehen.

Sie haben Tschechow und Dostojewski einmal als ihre "göttergleichen" literarischen Helden bezeichnet. Haben sich angesichts dieser Autoren Ihre eigenen Ambitionen als Schriftsteller erfüllt?

Ich glaube nicht, dass sie sich erfüllt haben. Ich bin nirgendwo in der Nähe von Tschechow und Dostojewski, aber wenn ich die beiden als wichtige Autoren anführe, dann nicht nur, weil es sich um große Schriftsteller handelt, sondern auch, weil sie zwei unterschiedliche Typen von Schriftsteller repräsentieren. Aber lassen Sie mich noch etwas zu dem Mut sagen, den man als Künstler aufbringen muss: Es reicht nicht, das nur zu Beginn der Karriere zu tun. Als Schriftsteller fragt man sich ständig, ob einem die Dinge, die man vor Jahren geschrieben hat, heute noch etwas sagen, und es ist nur selbstverständlich, dass ein Schriftsteller, der Mitte fünfzig ist, nicht mehr mit derselben Stimme spricht wie mit Mitte zwanzig.

Einige der Figuren Ihres neuen Buchs bewegen sich an den Rändern des Ruhms. Er scheint ihnen entweder unmittelbar bevorzustehen, oder sie haben ihn wie der Schnulzensänger Tony Gardner in der Erzählung "Crooner" bereits hinter sich. Weshalb ist der Ruhm für Ihre Figuren eine so harte Währung?

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