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Kathrin Schmidt : Rückeroberung der Welt

Stupende Sprachmacht: Kathrin Schmidt Bild: ddp

Autobiographisch fundiert ist auch Kathrin Schmidts neuer Roman - und zwar überaus leidvoll. Die Hauptfigur ist nach einer Hirnblutung halbseitig gelähmt und bar jeder Autonomie, vor allem jedoch: Sie kennt und findet die Wörter nicht mehr.

          In der vergangenen Woche gelangte die 1958 in Gotha geborene und seit langem in Berlin lebende Dichterin und Erzählerin Kathrin Schmidt mit ihrem jüngsten Roman „Du stirbst nicht“ auf die Kurzliste des Deutschen Buchpreises. Sie geht im Sechserfeld der Kollegen, zu dem außer ihr noch die Autoren Herta Müller, Rainer Merkel, Norbert Scheuer, Clemens J. Setz und Stephan Thome gehören, mit durchaus guten Außenseiterchancen ins Preis-Finale, das am 12. Oktober im Frankfurter Römer stattfindet.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Gewonnen aber hat sie schon jetzt. Am Wochenende verlieh ihr die aus dreißig Literaturkritikern bestehende Jury in Baden-Baden den mit 10.000 Euro dotierten Preis der Bestenliste des Südwestrundfunks. In der Endrunde obsiegt hat Kathrin Schmidts Roman dabei über neun deutschsprachige oder ins Deutsche übersetzte Erzählwerke, die seit September 2008 erschienen sind, darunter das bereits mehrfach ausgezeichnete Dresden-Epos „Der Turm“ von Uwe Tellkamp oder die Autobiographie „Ein anderes Leben“ des nobelpreisverdächtigen Per Olov Enquist.

          Langwierige Rehabiliation

          Autobiographisch fundiert ist auch Kathrin Schmidts neuer Roman - und zwar überaus leidvoll. Die studierte Psychologin, die zu Beginn der achtziger Jahre in der DDR als Lyrikerin debütierte und bald auch im Westen Aufmerksamkeit erfuhr, erlitt im Sommer 2002 eine Hirnblutung, wurde lebensrettend operiert und musste sich dann einer langwierigen Rehabilitation unterziehen. Auf den ersten Blick erzählt ihr im Frühjahr publizierter Roman „Du stirbst nicht“ genau diese Geschichte. Deren Hauptfigur, die Schriftstellerin Helene Wesendahl, erwacht auf der ersten Seite des Buchs aus der Bewusstlosigkeit, sie ist nach der Hirnblutung und der Operation halbseitig gelähmt und bar jeder Autonomie, vor allem jedoch: Sie kennt und findet die Wörter nicht mehr. Der Übereinstimmungen ist damit kein Ende: Wie Kathrin Schmidt ist Helene Wesendahl Mutter von fünf Kindern, und wie bei der Autorin selbst war die Psychologie lange Zeit ihr Brotberuf.

          Das ganz und gar Erstaunliche an diesem Roman aber ist, dass von den ersten Lesemomenten an alle autobiographischen Bezüge rein äußerlich und damit völlig unwichtig werden. Dafür sorgt zunächst die stupende Sprachmacht. Sie unterscheidet sich vom bisweilen barocken Überschwang in Kathrin Schmidts bisherigen Romanen „Die Gunnar-Lennefsen-Expedition“ (1998), „Koenigs Kinder“ (2002) und „Seebachs schwarze Katzen“ (2005) durch eine geduldige, ja behutsame, stets aber auch mitleidlose und von schwarzer Situationskomik geprägte Präzision. „Das war zu schnell für mich“, sagt die gerade nicht mehr moribunde Helene, als sie von einem Freund mit besorgten Fragen überschüttet wird - und selbstredend sagt sie dies „langsam“. „Dann spreche ich langsam“, verspricht der Freund, aber auch das sagt er „schnell“.

          Die Verwandlungskraft der Literatur

          Obwohl dieses Buch vielfach in Kliniken und Sanatorien spielt, ist es kein Krankenhaus- und kein Reha-Roman. „Du stirbst nicht“ handelt, so die Begründungen der Bestenlisten-Jury, vielmehr „auf luzide Weise von der Rückeroberung der Welt“. Vor allem jedoch zeugt der Roman von der Verwandlungskraft der Literatur. Aus der großen Not und der immer wieder von Rückfällen erschwerten Genesung der Hauptfigur zieht er etwas nachgerade Festliches, gar Feierliches - das neue, das zweite Erlernen des Sprechens, der Sprache, der Schrift und des Schreibens. Kurz nach dem Erwachen aus der Narkose hört Helene während der Visite ein Wort, das sie als „A-fa-sie“ decodiert. Irgendwie kommt es ihr bekannt vor, es könnte, denkt sie, „eine Abkürzung sein für ,Anfang sieben'“. Tage später die Erleuchtung: „Aphasie! Ohne Sprache!“

          Mit der Sprache kommt allmählich auch Erinnerung zurück - und mit dem Hervorkramen von Vergangenem „aus dem Gedächtniskoffer“ etwa auch das schwere Wissen, dass sie vor der Gehirnkatastrophe gerade im Begriff war, ihren Mann zu verlassen, jenen Matthes also, der sich nun so wohltuend um sie kümmert. Matthes ist es auch, der ganz am Ende des Romans zu Helene sagt: „Du stirbst nicht.“ Aber erst jetzt, an diesem Ende, weiß sie, dass der Satz bereits Sekunden vor ihrem Zusammenbruch fiel.

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