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Julia Kristeva zum 80. : Kopf behalten muss die Frau

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Als die Wörter denken lernten: Julia Kristeva Bild: Imago

Arbeit am Gedächtnis der Worte: Die Sprachkünstlerin, Autorin und Erfinderin der „Intertextualität“ Julia Kristeva wird heute achtzig Jahre alt.

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          Julia Kristeva ist seit jeher eine Fremde in ihrem eigenen Leben – als Slawin in Frankreich, als abtrünnige osteuropäische Kommunistin in einem ultralinken westlichen Intellektuellenmilieu, als Feministin in einer männlich dominierten Gesellschaft, als Ehefrau in einer offenen Liebesbeziehung und als Mutter eines geistig behinderten Sohns. Kristeva hält sorgsam Distanz zu sich selbst. Auf ihr eigenes Ich blickt sie wie auf ein unbekanntes Territorium, das noch zu entdecken ist. „Je me voyage“ lautet der Titel ihrer Memoiren. Als Kompass ihrer Selbsterkundung dient eine enzyklopädische Denkarbeit, die sich aus der Literaturwissenschaft, der Linguistik, der Philosophie und der Psychoanalyse speist. Bezeichnenderweise fehlt hier die Soziologie. Ihr feministisches Engagement konzentriert sich auf den Intellekt, der etwas altertümlich als „weiblicher Genius“ in Erscheinung tritt. Der männlichen Kastrationsangst entspricht bei Kristeva die drohende Enthauptung der Frau.

          Kristeva gilt als die Schöpferin des Begriffs „Intertextualität“, der den Kern ihres Sprachverständnisses ausmacht. Die Wörter haben ein eigenes Gedächtnis: Jeder Begriff ruft alle Kontexte auf, in denen er je verwendet wurde. Damit steht nicht mehr der Wirklichkeitsbezug der Sprache im Vordergrund, sondern ihre Selbstreflexion. Letztlich löst sich auch das politische Engagement im Zauberwort des „Diskurses“ auf. Gegen eine solch totale Semiotisierung hilft auch kein Nachschauen in der Realität. Als Kristeva 1974 mit ihrem Ehemann Philippe Sollers und Roland Barthes China besuchte, war sie von den exotischen Eindrücken begeistert. In ihrem Reisebericht „Des Chinoises“ verglich sie das verkrüppelnde Einbinden der weiblichen Lotosfüße anerkennend mit der Beschneidung der jüdischen Männer. Von Maos brutaler Kulturrevolution nahm sie nichts wahr. Noch in einem Interview aus dem Jahr 2011 attestierte sie den chinesischen Frauen „eine Art Unabhängigkeit, eine Weisheit und Kreativität, die ihre soziale Ausbeutung transzendiert“.

          Julia Kristeva hat ein umfangreiches Œuvre hervorgebracht. Mehr als dreißig wissenschaftliche Bücher und Romane stammen aus ihrer Feder. Berühmt wurde sie 1974 mit der Untersuchung „Die Revolution der poetischen Sprache“. Der selbstbewusste Titel birgt eine antimarxistische Pointe: Es kommt ihr nicht darauf an, die Welt zu verändern, sondern sie neu zu deuten. Kristeva mag sich allerdings nicht auf abschließende Interpretationen festlegen. In ihren Texten kann alles immer auch anders sein. Ironischerweise holte das Leben im Jahr 2018 dieses flottierende Sprachverständnis ein. Damals wurde bekannt, dass Kristeva in den siebziger Jahren als IM „Sabina“ für das kommunistische Bulgarien tätig war. Sie hatte sich aber als so widerspenstig und unzuverlässig erwiesen, dass die Spitzel entnervt von ihr abließen. Kristeva war über diese Enthüllung so entrüstet, dass sie allen „Kolporteuren“ mit einer Verleumdungsklage drohte. Dabei blieb sie blind für die Pointe, dass ihr Geheimdienstdossier in eine intertextuelle Beziehung zu ihrer Autobiographie getreten war. Heute wird sie achtzig Jahre alt.

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