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Juli Zehs Poetikvorlesung : Vom Nur-So zum Roman

Animierend: Juli Zeh Bild: Fricke, Helmut

Juli Zeh verteidigt in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung Literatur als einen Rückzugsraum der Anarchie, eingefangen zwischen zwei Buchdeckeln. Und beschreibt damit zugleich ihr eigenes Verfahren.

          3 Min.

          Am Ende der dritten Vorlesung war Juli Zeh bei ihren Kritikern angelangt. Versammele sie alle Stimmen, die seit je versicherten, die Autorin Zeh tauge nichts, dann klinge das in etwa so: „Zuerst das Gute: Der neue Roman von Juli Zeh ist weniger lang als seine Vorgänger.“ Die Konstruktion der Rahmenerzählung aber sei ebenso bemüht wie die Sprachfähigkeit der Autorin begrenzt. Juli Zeh sei eine „Schwallmadame“, „Quatschnudel“, „Dauerpowerfrau“, und „apokalyptisch altkluge Angeberin“. Glücklicherweise wolle sie sich nun ihrer juristischen Doktorarbeit zuwenden. „Da kann sie weiter Thesenklappriges aufeinanderstapeln. Und das Beste: Lesen muss es nur einer.“

          Morten Freidel
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Das, sagte Juli Zeh anschließend, stamme nicht von ihr, sondern sei eine kleine Zitatencollage aus Rezensionen ihrer Bücher der letzten Jahre. Ihre Frankfurter Poetikvorlesung kam damit der Literaturdefinition der Romantiker relativ nah: dass ein Werk nämlich immer auch seine Kritik enthalten solle. Das galt auch jenseits ironischer Anklänge. Denn Zehs Poetikvorlesung, einige Tage vor Beginn bereits unter dem Titel „Treideln“ im Schöffling Verlag erschienen, war mit nahezu jedem Satz eine Wiederbelebung romantischen Literaturverständnisses. Wenn sie schreibe, hatte Zeh in der zweiten Vorlesung erklärt, dann in Form des „Nur-So“: „Das Nur-So ist eine Textart, die jederzeit gelöscht werden kann. Sie dient keinem Leser, sondern ausschließlich dem Autor. Das Nur-So besteht aus Textfetzen, Szenen, Kurzdialogen, einzelnen Sätzen oder auch kleinen, in sich geschlossenen Episoden. Ein Nur-So kann zu beträchtlicher Länge anwachsen.“ Etwa so seien fast alle ihre Romane entstanden.

          Kunstvolle Mischung aus Ehrlichkeit und Selbstironie

          Dann aber habe sie eine Ausnahme machen und endlich einmal einen „richtigen“ Roman schreiben wollen, „also einen Text, der von Anfang an dafür bestimmt war, zwischen zwei Buchdeckel gefasst und dem Leser überreicht zu werden“. Etwa ein Jahr lang habe sie Handlungsverläufe, Charakterskizzen und Konzepte entworfen, um schließlich an der Niederschrift zu scheitern. „Da war kein freier Erzählfluss, kein Film im Kopf. Es gab nur noch mich und mein Wollen, das jeder Form von Machen im Weg stand.“ Seitdem, erklärte sie unter dem Gelächter der Zuhörer, habe sie gewusst: Nie wieder schreibe sie einen Roman. So verteidigte Zeh Literatur als einen Rückzugsraum der Anarchie, eingefangen zwischen zwei Buchdeckeln, als buchgewordenes Chaos gewissermaßen.

          Ihre eigentliche Leistung bestand vor allem daraus, wie sie das tat, mit einer kunstvollen Mischung aus Ehrlichkeit und Selbstironie. Zeh kleidete ihre Poetikvorlesung - die letzte findet am heutigen Dienstag statt - in Form eines E-Mail-Romans, der mit der Frage ihres Verlegers beginnt, ob sie bereit wäre, die Frankfurter Poetikdozentur zu übernehmen. Nachdem die Anfrage erfolgreich abgeschmettert wurde („Poetik ist etwas für Quacksalber, Schwächlinge, Oberlehrer, Zivilversager und andere Scharlatane“), beginnt die Protagonistin jedoch, sich mit den Bedingungen ihres Schreibens auseinandersetzen. Sie schreibt ihrem Mann, ihrem Verleger und einem immer größer werdenden, halbfiktiven Personenarsenal. Nebenbei entwirft sie eine neue Romanfigur, Treidel, „einen Profi des Nicht-Heineinwachsen-Wollens in die Welt der Jobmacher“, und seine fiktive Chronistin, Alice.

          Das Erzählen nicht aufgeben

          Damit gelang Zeh bei der Frankfurter Poetikvorlesung etwas Ähnliches wie zuletzt dem Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem mit seinem Werk „Die vollkommene Leere“ vor vierzig Jahren. In „vollkommene Leere“ hinein hatte Lem Bücher rezensiert, die es nicht gibt. So hatte er eine Form gefunden, mit der sich unfertige Ideen in Kürze skizzieren und zugleich kritisch kommentieren ließen. Die Stärke, die in der Gleichzeitigkeit von Parodie und Ernsthaftigkeit liegt, gilt auch für „Treideln“, aber in umgekehrter Form: Ist die Rezension die Nische, in der der Theoretiker und Schriftsteller Lem zum Philosophen wurde, dann ist der E-Mail-Roman die Nische, in der die Schriftstellerin Juli Zeh zur Poetikdozentin werden konnte. Während Lem auf das Erzählen verzichtete, um hemmungslos poetologisieren zu können, wollte Zeh bei aller Poetik das Erzählen nicht aufgeben.

          So konnte sie schreibend die Bedingungen ihres Schreibens erläutern und sich, während sie von Karl Treidel erzählte, selbst als hauseigene Interpretin ihres Textes üben. Regelmäßig brach Zeh dabei mit der romantischen Vorstellung eines genialischen Urtextes. Mit der Dramaturgie, erklärt Zeh einem befreundeten Dozenten in einer Mail, sei sie erstmals in Form eines Ratgebers für Drehbuchautoren in Berührung gekommen. Hier habe sie mit Hilfe von „steindummen Metaphern“ gelernt, wie eine Geschichte zu verlaufen habe, etwa so: „Die arme Hauptfigur erlebt den Ruf zum Abenteuer, durchquert den Bauch des Wals und die Drachenhöhle, begegnet dem Weisen und erlangt das Elixier, bevor er sich der letzten Schlacht stellt und danach als veränderter Mensch in ihre alte Welt zurückkehrt.“ Auch wenn es trivial klinge, die meisten Geschichten seien nach diesem Prinzip aufgebaut. Die guten jedenfalls. Ihre.

          Der Höhepunkt war eine Animation: Während Zeh einen Textauszug vorlas, konnte man dessen Entstehung beobachten. Wie der erste Absatz entsteht, wieder gelöscht wird, wie Zeh ein Komma, einen Buchstaben, einen Satz einfügt. Als sie bei der aberhundertsten Version angelangt ist, schreibt Zeh: „Ich hasse diesen Job!“ So sehr, dass Treidel am Ende der Vorlesungen sterben muss. Fast entschuldigend schreibt Zeh an einen Freund: „Indem wir den ungeborenen Treidel auf den Objektträger unserer theoretischen Ausführungen gelegt haben, wurde er vor der Zeit zu Literatur - und Makulatur.“ Mag ihre Geschichte von Karl Treidel gescheitert sein, die Geschichte vom Erzählen ist Juli Zeh gelungen.

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