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Jugendliteratur : So wie wir waren

Recherchereise: John Green in seiner Amsterdamer Schreibstube Bild: Kai Nedden

Der amerikanische Schriftsteller John Green schreibt große Bücher für Jugendliche. Er ist für Teenager das, was Philip Roth für Männer und John Updike für Ehepaare ist - er liest die Welt aus ihnen ab.

          Vielleicht liegt es daran, dass die Vereinigten Staaten von Amerika, menschheitsgeschichtlich gesehen, immer noch in der Pubertät stecken, dass so viele ihrer großen Bücher davon handeln, wie man groß wird. Was man dabei falsch machen kann und was richtig, wie man seinen Platz in der Welt findet und merkt, dass andere ihren Platz auch wollen, und oft ist es derselbe, und dann wird es schwierig. Wie man das erste Mal liebt und diese Liebe dann zum ersten Mal verliert, wie man sich weh tut dabei, wie das wieder verheilt und man beim zweiten Mal vorsichtiger wird oder gerade nicht. Wie man ein autonomes Wesen unter anderen autonomen Wesen wird und endlich das Haus verlässt, in die Welt geht und dort feststellt, was man verloren hat oder auch gewonnen, und irgendwann, wenn sich das nicht ausbalanciert, wieder umkehren will, aber es führt kein Weg zurück. „You can't go home again“, so heißt eines dieser großen amerikanischen Bücher, Thomas Wolfe hat es geschrieben.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vielleicht ist das alles aber auch ein großer Quatsch, keine seriöse, nur sentimentale Geschichtsschreibung. Vielleicht ist es einfach Zufall, dass Thomas Wolfe aus Amerika kam, genau wie Harper Lee oder Stephen King. Dass Edward Hopper dort geboren wurde, der Tankstellenmaler, genau wie Bruce Springsteen, der Volltanken-bitte-Sänger, der Sätze in seine Songs schrieb wie „It's a town full of losers / And I'm pulling out of here to win“ oder „We swore blood brothers against the wind / I'm ready to grow young again“. Ein Zufall, wirklich? Von einem John Hughes aus Schweden oder Honduras hat man jedenfalls noch nichts gehört, es gibt bislang nur den aus dem Mittleren Westen, der Filme wie „Breakfast Club“ oder „Pretty in Pink“ drehte, Epen mit mythischen Figuren, die immer wieder die gleiche Geschichte erleben: Wir sind jung. Wie geht es jetzt weiter?

          Knapp über der Gegenwart schweben

          Und, nur der Vollständigkeit halber: Jack Kerouac, Peter Fonda und Dennis Hopper, Truman Capote und die Typen von „Glee“, alles Amerikaner. Silvia Plath, F. Scott Fitzgerald, Mark Twain, J. D. Salinger, Jack London, Wes Anderson, Donna Tartt.

          Für Teenager ist der freie Wille interessant: John Green, Jahrgang 1977

          Und John Green.

          Es ist nicht schlimm, noch nie von John Green gehört zu haben, jedenfalls nicht, wenn man älter als 15 ist. John Green schreibt Bücher für 15-Jährige. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ist John Green einer der wichtigsten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Weil er für 15-Jährige schreibt. Und zwar Bücher, die wiederum überhaupt kein Alter haben, irgendwie so knapp über der Gegenwart schweben, dass man nicht sagen könnte, in welchem Jahr sie spielen, nur welcher Augenblick in ihnen beginnt und nicht mehr aufhört: der nämlich, in dem man sich seiner selbst bewusst wird.

          Und weil dieser Augenblick eben ein Leben lang nachwirkt, weil man sich ja ein Leben lang fragt, wer man ist und wie es nur dazu kommen konnte, sind die Jugendbücher, die John Green darüber schreibt, wie Nachschlagewerke, wie eine Grammatik, in der man auch mit 25, 35, 55, 65 lesen kann, um zu überprüfen, ob alles richtig war. Und ist. Oder wieder werden kann.

          „Ich wollte mit am Tisch sitzen“

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