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Jugendkrimininalität : Rettet die Kinder, bevor es zu spät ist

Der Rückzug des Staates und seiner professionellen Helfer ist abzulehnen

Das als „Neuköllner Modell“ bekannt gewordene Konzept hat im Prinzip nur versucht, was sich jeder mit gesundem Menschenverstand unter Gewaltprävention und Jugendhilfe vorstellt. Es ging dabei nicht um schärfere Gesetze, sondern zuallererst darum, die geltenden durchzusetzen: die Schulpflicht, das Prügelverbot für Eltern, die Fürsorgepflicht von Eltern. Wie viel Kraft und Zeit das gekostet hat, ahnt der Leser, wenn er sich auf den spröden, ausführlichen Bericht der Jugendrichterin einlässt. Kirsten Heisig widmet ganze Kapitel den irrwitzigen Verästelungen von Behörden, die zu fatalen Blockaden führen, und jenen absurden Sparmaßnahmen, die ein Jugendamt ruinieren können, weil sie seine Arbeit verunmöglichen.

Heisig lehnt den Rückzug des Staates und seiner professionellen Helfer aus vielen Bereichen ab. Sie bezweifelt, dass dissoziale Entwicklungen durch unübersichtliche und sündhaft teuren Sozialprojekte aufgefangen werden können. Sie zieht auch jene statistischen Zaubertricks in Zweifel, die die Öffentlichkeit mit unklaren Zahlen beruhigen sollen, wo eigentlich Alarm ausgelöst werden müsste.

Hohle Integrationsparolen

Ausführlich schildert Kirsten Heisig ihren Alltag, der ihr an manchen Gerichtstagen elf Entscheidungen abverlangt, vom harmlosen Verkehrsdelikt bis zur Anordnung einer Haftstrafe. Die Fälle, die sie als Beispiele heranzieht, verdeutlichen immer wieder, wo zu spät oder unzureichend reagiert wurde – etwa weil Drogentests bei jugendlichen Gewalttätern unüblich sind. Immer öfter muss die Jugendrichterin feststellen, dass junge Angeklagte in der Zeit zwischen der Tat, die gerade verhandelt wird, und dem Gerichtstermin weitere, oft immer grausamere Straftaten begingen. Immer schneller scheint sich die Spirale der Gewalt zu drehen – und wenn die Richterin Glück hat, weil die neuen Netzwerke, die sie in Berlin-Neukölln aufgebaut hat, funktionieren, erfährt sie davon, noch bevor sie ein Urteil fällen muss. Erfährt sie es nicht, verpufft für junge Straftäter jede erzieherische Intervention. Dasselbe passiert wenn es dem Gericht nicht gelingt, für die verhängte Strafe alsbald einen Platz im Jugendarrest oder Gefängnis zu finden.

Heisigs Buch „Das Ende der Geduld“ ist eine ungewöhnliche Streitschrift, die aufrütteln und aufklären statt abrechnen will. Der Titel zielt nicht nur auf die beunruhigend große Zahl der nicht erzogenen Straftäter, sondern auch auf die unsichtbaren Eltern und die Ohnmacht des Staates, der die Bürger mit hohlen Integrationsparolen einlullt. Mit diesem Buch hat sich eine mutige Frau ihre Empörung über die gefährliche Langmut und Ignoranz unserer Gesellschaft von der Seele geschrieben. Oder gerade nicht. Denn es gibt kein tröstliches Ende, keine Handlungsanweisung, wie man die rechtsfreien Räume, in denen so viele Kinder untergehen, zurückerobern kann. Nur die Gewissheit: Etwas muss sich ändern. Jetzt.

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