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Jugendkrimininalität : Rettet die Kinder, bevor es zu spät ist

Die Jugendrichterin warnt davor, diese Entwicklung, die nicht nur in Berlin-Neukölln zu beobachten ist, zu unterschätzen. Kirsten Heisig hatte ihren Beruf aus Überzeugung ergriffen und lange geglaubt, mit sinnvollen Entscheidungen Jugendkriminalität eindämmen und jungen Straftätern eine Chance auf ein normales Leben eröffnen zu können. „Seit längerer Zeit habe ich nicht mehr den Eindruck“, schreibt sie, „beiden Zielen gerecht werden zu können.“ Die überbordende Gewalt, die Brutalität, die sich seit längerem in Übergriffen an Schulen, auf der Straße, aber auch in den Familien entlädt und ihr Opfer nicht nur verletzt, sondern auch demütigt, könne nicht mehr nur durch Strafjustiz eingedämmt werden. Heisig schildert an ausgewählten Fällen, was sich verändert hat, und unterzieht neben der Justiz auch das Schulwesen, die Jugendhilfe und das Treiben der freien sozialen Träger einer schonungslosen Analyse.

Immer wieder wird viel zu spät erkannt, dass sich kriminelle Karrieren verfestigen. Die erzieherischen Maßnahmen der Gerichte laufen dann zwangsläufig ins Leere. Den Schulen bleibt der Schulverweis, sofern der Verurteilte dort überhaupt noch erscheint. Nicht selten verschwinden die jungen Täter einfach aus dem Gesichtskreis der Institutionen, weil sich diese nicht absprechen und eine von der anderen glaubt, sie kümmere sich schon darum. Und die Opfer? Es treibt die Richterin um, dass sie vielen nicht helfen kann, weil das System zu langsam, zu ineffizient arbeitet. Am Beispiel brutaler Vergewaltigungen, die während angeblich unverzichtbarer Heimurlaube von einschlägig Vorbestraften verübt werden, zeigt sie, wie „durch elterliches Versagen und unter den Augen der geduldig abwartenden staatlichen Institutionen“ schwer kriminelle Jugendliche heranwachsen.

Die Ursachen der Gewaltexplosion aufklären

Kirsten Heisig ist nicht die wohl bekannteste deutsche Jugendrichterin geworden, weil sie – wie oft behauptet – besonders hart zu urteilen pflegte. In ihrem Buch berichtet sie vom Erfolg eines Richterkollegen, der junge Rechtsradikale für ihre Überfälle rasch zu Haftstrafen verurteilte, unbeeindruckt von Störmanövern im Gerichtssaal. Das Urteil, so Heisig, habe eine abschreckende Wirkung entfaltet, es zog Frieden ein in der kleinen Stadt bei Berlin. Allerdings hatte der Richter zum unter Juristen und Kriminologen umstrittenen Mittel der „Gewaltprävention“ gegriffen, was vielleicht nur deshalb allgemein akzeptiert wurde, weil nicht nur die brutalen Angriffe geächtet waren, sondern auch die braune Weltsicht der jungen Täter.

Kirsten Heisig hat schließlich ihren Gerichtssaal verlassen, um die Ursachen der Gewaltexplosion aufzuklären, die seit einigen Jahren ganze Viertel verunsichern. Sie stieß auf Erziehungsdefizite, die aus Kindern Schulversager und Serientäter machen und mit deren Behebung jede Schule überfordert ist. Das Selbstverständnis einer toleranten Gesellschaft wird so untergraben, das Jugendstrafrecht mit seinem Erziehungsanspruch erodiert. Geduldig hat Heisig diesen Zusammenhang in Streitrunden, im Fernsehen und in Zeitungen und schließlich sogar auf erstaunlich gut besuchten Elternabenden in Berlin-Neukölln immer wieder erklärt. Nicht jeder wollte ihr folgen, aber mit der Zeit wurden es immer mehr. Es ist Kirsten Heisigs wohl größtes Verdienst, dass es ihr gelang, für diese verlorenen Kinder eine Allianz zu schmieden, die sich nicht mit (durchaus berechtigten) Klagen über zu wenig Geld und Personal aufgehalten hat.

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