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Jürgen Fuchs und die DDR : Die körnig gewordene Erinnerung

  • -Aktualisiert am

Jürgen Fuchs stellt im März 1998 sein damals aktuelles Buch „Magdalena“ in Hamburg vor. Bild: Picture-Alliance

Als sich die Wirklichkeit selbst aufschrieb: Wie der Schriftsteller Jürgen Fuchs das Unrecht der SED-Diktatur zu spüren bekam. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Mit dem Vergessen ist es ja so eine Sache: Manchmal geschieht es, einfach so – und schon ist ein Moment für immer verschwunden, die Erinnerung an den ersten Kuss beispielsweise. Manchmal aber kann auch mit Vorsatz vergessen werden und wider besseres Wissen. Dass dem so ist, habe ich in den letzten Wochen erfahren müssen. Regelmäßig habe ich Leserbriefe zu meinem Roman „Die Verlassenen“ erhalten, die mir zeigten, dass viele Ostdeutsche sich offensichtlich vorgenommen haben, etwas zu vergessen, von dem ich bisher dachte, es sei so fest in den Köpfen verankert wie der eigene Name: Die Rede ist vom Bewusstsein für das Unrecht der SED-Diktatur, das Bewusstsein dafür, dass bei all den schönen Seiten der DDR allem voran stehen muss, dass es sich um einen Unrechtsstaat handelte, der Andersdenkende gebrochen hat und genau die Urteile fällte, die halfen, unliebsame Menschen aus dem Weg zu räumen. Vor 75 Jahren, am 21. April 1946, wurde die SED gegründet. Diese drei Buchstaben, so dachte ich, stehen im kollektiven deutschen Bewusstsein für nichts anderes als Unrecht.

          Dass dieses Bewusstsein und der reflektierte Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte offensichtlich ein Verfallsdatum haben, war mir neu. Zumeist haben mir Menschen geschrieben, die meine Eltern oder Großeltern sein könnten. Diese Nachrichten an mich waren vor allem eines: voller Wut. Wie kannst du uns unsere schöne DDR nur so kaputtmachen? Irgendwann ist aber auch mal gut mit diesem Thema, ja!?

          Es stimmt – in der DDR musste niemand um einen Kindergartenplatz bangen und schlimmstenfalls sein Recht auf Betreuung vor Gericht erkämpfen. Auch ein kostenloses Gesundheitssystem ist etwas Wunderbares oder der unbedingte Zusammenhalt untereinander, wenn irgendjemand Hilfe brauchte. Nicht zuletzt gab es in der DDR Vollbeschäftigung, und niemand musste fürchten, keine Arbeit zu bekommen. Oder etwa doch? Die positiven Aspekte des Lebens in der DDR, die oft genannt werden, schließen all jene aus, die das Pech hatten, ins Visier der Staatssicherheit gekommen zu sein. Genau hier fängt das Unrecht an. Und dies zu vergessen, nicht zu erwähnen oder in den Erzählungen über „damals“ einfach außen vor zu lassen, so wie es in den Leserbriefen an mich immer wieder gemacht wird – das geht nicht.

          Zahlreiche Schicksale belegen das Unrecht

          In meinen Antworten auf diese Briefe erzähle ich immer wieder auch von einem, der Schriftsteller war in der DDR, Bürgerrechtler und Sozialpsychologe: Jürgen Fuchs. Er musste am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn der Staat willkürlich Recht spricht. Und so schreibe ich in meinen Antworten oft auch vom 19. November 1976, also von jenem Tag, an dem Jürgen Fuchs im Wagen seines engen Freundes Robert Havemann sitzt, der wie Fuchs selbst ein vehementer Regimekritiker war.

          Ich erzähle, dass sie auf dem Weg nach Berlin sind, um gegen die Biermann-Ausbürgerung zu protestieren. Doch so weit kommen sie nicht. Die Staatssicherheit stoppt den Wagen, zerrt Jürgen Fuchs heraus und bringt ihn in das nahe Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen. Dort wird er neun Monate lang psychisch und physisch gequält werden, dort wird man ihn mit allen Mitteln versuchen zum Reden zu bringen – um den von der SED so gehassten Robert Havemann zu belasten. Was er nicht tun wird.

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