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Journalist und Schriftsteller : Klaus Harpprecht ist gestorben

  • Aktualisiert am

Klaus Harpprecht im Oktober 2011 in Frankfurt Bild: dpa

Journalist, Schriftsteller, Verleger, Redenschreiber Willy Brandts: Über Jahrzehnte war Klaus Harpprecht eine der großen Stimmen des Landes. Jetzt ist der Publizist im Alter von 89 Jahren in Südfrankreich gestorben.

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          Klaus Harpprecht ist tot. Der Journalist und Schriftsteller starb an diesem Mittwoch im Alter von 89 Jahren im südfranzösischen La Croix-Valmer.

          Klaus Christoph Harpprecht wurde am 11. April 1927 in Stuttgart als Sohn eines evangelischen Dekans geboren. Von 1948 an war Harpprecht als Volontär, dann als Redakteur bei der Wochenzeitung "Christ und Welt" beschäftigt. 1951 wurde er Bonner Korrespondent des gleichen Blattes, später auch Berlin-Berichterstatter. 1954 wechselte er als Kommentator zum Sender RIAS Berlin. 1955 leitete er das Bonner Büro des Senders Freies Berlin (SFB), und ab Mai 1956 arbeitete er als Kommentator sowie Korrespondent für den WDR. In den frühen sechziger Jahren war Harpprecht als Amerika-Korrespondent des ZDF in Washington tätig. Drei Jahre lang leitete er ab 1966 den S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main.

          Über seine Freundschaft zum damaligen Außenminister Willy Brandt hatte Harpprecht 1968 zur SPD gefunden. Nach Brandts Wahl zum Bundeskanzler (1969) wurde er 1972 dessen Berater für Internationale Fragen (besonders Amerika, Westeuropa und Israel) und Leiter des Schreibbüros im Bundeskanzleramt. Als Redenschreiber gab er seinem Chef einprägsame Formulierungen wie den Begriff der „neuen Mitte“ an die Hand. Nach Brandts Rücktritt im Jahre 1974 arbeitete Harpprecht, wie schon vor 1972, wieder als Sonderkorrespondent in den Vereinigten Staaten. 1977 - 1978 war er Chefredakteur der Zeitschrift „Geo“ des Verlags Gruner + Jahr. Seit 1982 lebt Harpprecht als freier Schriftsteller in Südfrankreich.

          Die Lust der Freiheit

          Zahlreiche Artikel, Feuilletonbeiträge und Essays machten den Journalisten Harpprecht einem breiten Lesepublikum bekannt. Er schrieb für „Die Zeit“, das „Manager Magazin“, „Cicero“, die „Süddeutsche“, die „taz“ und andere deutsche Zeitungen, ebenso für literarisch-politische Zeitschriften des Auslandes wie „Preuves“ (Paris), „Encounter“ (London), „New York Times“ oder „Washington Post“. Außerdem war er Mitherausgeber der Zeitschrift „Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte“ und editierte von 2006 bis 2010 (als Nachfolger von Hans Magnus Enzensberger) zusammen mit Michael Naumann die Reihe „Die andere Bibliothek“ im Eichborn-Verlag. In den fünfziger Jahren unterstützte Harpprecht publizistisch Konrad Adenauers enge Verklammerung der Bundesrepublik mit der europäischen und atlantischen Gemeinschaft, später die Ostpolitik Willy Brandts, die er als notwendige Erweiterung der Westbindung betrachtete. Dokumentarfilme wie „Tod in Amerika“ und Bände wie „Der fremde Freund - Amerika: Eine innere Geschichte“ (1982) oder „Amerika - Freunde, Fremde, ferne Nachbarn“ (1984) wiesen Harpprecht als intimen Kenner Nordamerikas aus.

          Neben seiner journalistischen Arbeit war Harpprecht literarisch tätig. Seine Biographie „Georg Forster oder Die Liebe zur Welt“ brachte 1987 den vergessenen Weltreisenden und Revolutionär (1754-1794) der Öffentlichkeit ins Bewusstsein zurück. Zum 200. Geburtstag der Französischen Revolution blickte er in „Die Lust der Freiheit“ (1989) aus der Sicht deutscher Augenzeugen auf die ersten fünf Revolutionsjahre in Frankreich. Großes Interesse wurde 1995 Harpprechts monumentaler Thomas-Mann-Biographie zuteil, in der er laut Verlagsangaben versuchte, „die erdrückende Autorität des Klassikers mit kritischer Zuneigung zu durchdringen“.

          Hinter die Kulissen der Macht

          „Schreibspiele“ nannte Harpprecht seine „Bemerkungen zur Literatur“ (1997) mit Porträts von Autoren und fiktiven Briefwechseln. 1999 ließ er sieben Essays zur Geschichte der Bundesrepublik folgen („...und nun ist's die!“), die schwierige Liebe zu seiner Wahlheimat dokumentierte er im beobachtungs- und überlegungsreichen Buch „Mein Frankreich“. Die kräftezehrende, in einem Tagebuch notierte Zeit als Redenschreiber von Bundeskanzler Brandt schilderte er im Buch „Im Kanzleramt“ (2000), mit dem er ein persönliches Porträt des Kanzlers skizzierte sowie einen interessanten Einblick hinter die Kulissen der Macht bot.

          2004 stellte Harpprecht die Biographie Harald Poelchaus vor, des „ersten Gefängnisgeistlichen im Dritten Reich“. Obwohl leidenschaftlicher Gegner der Todesstrafe, musste dieser zwischen 1933 und 1945 im „Verwahrhaus III“ des Gefängnisses Berlin-Tegel mehr als tausend Menschen auf die Hinrichtung vorbereiten oder ihnen auf dem letzten Weg beistehen, unter ihnen viele Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, der „Roten Kapelle“ und des „Kreisauer Kreises“.

          Viele Leben

          2008 legte Harpprecht de Biographie der Gräfin Marion Dönhoff (1909-2002), der bedeutendsten Publizistin der Bundesrepublik, vor. Eine weitere Biographie widmete er dem - als Garance im Filmklassiker „Die Kinder des Olymp“ zur Kultfigur avancierten - Theater- und Filmstar Arletty und deren unzeitgemäßer Beziehung zum deutschen Wehrmachtsoffizier Hans-Jürgen Soehring, die ihr den Vorwurf der Kollaboration einbrachte.

          Zwischen 1960 und 1988 hat Klaus Harpprecht mehr als fünfzig Dokumentarfilme geschrieben und produziert. Daneben präsentierte er sich seinem Publikum in etwa fünfzig Interview-Filmen wie der ZDF-Reihe „Dialog“ sowie Hunderten von Radiosendungen. 2009 erhielt er den Lessing-Preis der Stadt Hamburg, 2011 den Theodor-Wolff-Preis für sein Lebenswerk.

          In seinem Porträt zum 85. Geburtstag Harpprechts hatte Nils Minkmar in der F.A.Z. geschrieben: „Harpprecht ist das Exempel für eine uneitle und eigensinnige Lebensführung, die nie spießig wird, für eine Lebensfreude, die auch ein Gestern und ein Morgen kennt, und für eine Gelehrsamkeit, die ihr Publikum kennt und mag. Viel kann man von ihm lernen und zuerst dies: fleißig zu sein, aber nicht streberhaft; kritisch, aber nicht unangenehm - und unter keinen Umständen langweilig.“

          Vor Studenten hatte er seinen Beruf einmal so definiert: „Journalismus: das ist die Chance, viele Leben zu leben“. Jetzt ist Klaus Harpprecht im Alter von 89 Jahren in La Croix-Valmer in Südfrankreich gestorben.

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